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Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Den 17ten September.
Wort haben Sie gehalten, liebe Freundin, und bei aller meiner Liebe zu mir selbst möchte ich diesmal fast sagen, zu sehr, nemlich mehr als ich verdiene. Sie wissen, verdienen heißt bei mir immer so viel als zu brauchen wissen, und denken Sie, ich war gestern in einem so schlechten Zustande, hatte einen so elenden Tag, daß nicht einmal Ihr Brief mich ganz heraus riß; also habe ich ihn doch nicht verdient. Sie kennen mich, glaube ich, nicht in diesem Zustande, wenigstens gesehen haben Sie mich nicht so, es müßte nur aus Beschreibungen von mir oder Jette sein. Ein Zustand der gänzlichen Unfähigkeit des Verstandes nicht nur, sondern auch des Herzens und der Phantasie. Vieles ist wohl | körperlich darin, das weiß ich. Ich war mit einem fatalen Stockschnupfen aufgewacht, der mich nicht recht zur Besinnung kommen ließ, so daß ich mich in einer Art von schlafsüchtigem Zustande befand – aber es ist immer ein geistiger Fehler und ein freiwilliges Unvermögen, wenn man dem Körper so viel einräumt. Und in diesem Zustande hatte ich den kindischen Eigensinn, das Studium von Fichte’s Sittenlehre anzufangen, da ich leichtere und ebenso nöthige Dinge hätte betreiben können. Dazu müssen Sie noch nehmen, daß, wenn so das bessere Selbst schläft, die ursprüngliche schlechte Natur desto stärker hervortritt, mit allen alten Unarten. Gegen Abend wußte ich recht gut, wie ich mir helfen sollte, dazu mußte es aber erst auf’s höchste gekommen sein. Bald und gründlich kann nur die Gegenwart der Freundschaft oder der Liebe helfen, mit ihren mannigfaltigen sanften Anregungen. Der Himmel bewahre mich, so ganz entblößt von solchen Hülfsmitteln, als ich hier bin, vor mehreren solchen Tagen. Das meinige will ich dazu thun; ich habe mir vorgenommen, sie Ihnen jedesmal redlich zu beichten – das soll schon helfen. [...]
Ich wollte, ich könnte einen von Ihren mir bis hierhin ganz unbekannten Kobolden brauchen, um die erste Hälfte von Fichte’s Sittenlehre und einige schlechte Schriften von Cicero für mich zu lesen. Wenn das möglich wäre, würde es mir leichter werden, milde zu sein gegen den lezteren. Recht sehr will ich Sie in Kopf und Herz nehmen, liebe Freundin. Auch wissen Sie ja wohl, daß mir die Milde nicht fremd ist, für mich selbst. Wie aber, wenn man mit den Menschen redet? Die haben ein schweres Verständniß und wollen Alles recht stark aufgetragen haben, und das sieht dann leicht aus wie Härte gegen diejenigen, über die man redet. Das Lesen habe ich auch eigentlich nicht gescheut aus Antipathie, auch nicht einmal, weil es mir schwer wird, sondern nur, weil für mich so wenig dabei herauskommt, wenn ich nicht zu ganz bestimmten Zwecken lese, und weil ich doch, wenn dieser Fall eintritt, Alles noch einmal lesen muß. Ich wollte, Sie könnten | mich eine Zeitlang arbeiten sehen und auch Alles, was dabei in mir vorgeht. Es kommt da in jeder Woche gewiß der wunderlicheste Wechsel vor an Lust und Unlust, Stolz und Verzweiflung, Gedeihen und Erbärmlichkeit, und so würden Sie gewiß bald sich freuen, bald mich necken, bald auch auslachen, bald mich liebreich trösten, denn das alles würde mir heilsam sein zu seiner Zeit.
Metadata Concerning Header
  • Date: Freitag, 17. September 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 152‒153.

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