Single collated printed full text without registry labelling not including a registry

Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Mittwoch, den 29sten September 1802.
Eigentlich heißt das mit einer Lüge anfangen, denn es ist gleich Ein Uhr, und also schon Donnerstag. Auch sollen Sie mich darüber, daß es so ist, nicht schelten, noch es mir verbieten, sondern mich förmlich dazu autorisiren. In meinem dermaligen Zustande kann ich nun einmal in der Nacht am meisten schaffen von dem eigentlichen Arbeiten, weil ich am Tage manches habe, was mich stört, und nichts, was mir hilft; und da ich keinesweges meine Natur zwinge, sondern dem ersten Wink zum Schlafe gewiß folge, so muß es für jezt schon sein Bewenden dabei haben. –
Seit gestern Nachmittag bin ich zu Hause und den heutigen Tag habe ich noch gebraucht, um mich von der Reise zu erholen, nemlich mich wieder in meinem Fichte und in der Kritik der Moral zu orientiren, welches ich, wie sich von selbst versteht, vermittelst des Reisens Alles rein vergessen hatte. Ueber diese Unfähigkeit Herr zu werden, daran verzweifle ich, und schon um deswillen wäre es mir sehr wichtig in eine Lage zu kommen, wo mir diese Art von Reisen nicht mehr Pflicht ist. Ich sage, diese Art, denn für ein solches poetisches Reisen, wie es Wedeke bisweilen treibt und auch in seinem lezten Briefe wieder eines solchen erwähnt, habe ich gewiß viel Sinn und würde nicht der schlechteste Gesellschafter dabei sein. – Ihr Brief war (wiewohl ich ihn zulezt las, welches ich immer thue) das erste, was mich, nach einer durch schlechte Fuhrleute sehr unangenehmen Rückreise, zu Hause | wieder in’s Leben brachte, und ich will Ihnen nur geschwind auch einiges darüber sagen, weil doch vielleicht morgen ein anderer Brief von Ihnen kommt. Sie mögen recht haben, sich in schlechten Stimmungen so liberal zu behandeln, weil Sie eben Ihrer Sache sicher sind, daß Ihr Körper sich nicht emancipirt, wenn Sie ihm auch einen Silvester-Abend lassen. Er gehört einer Frau und wird wohl auch so bescheiden und anspruchslos sein wie diese. Meiner aber möchte sich mehr den Sclaven ähnlichen, die (ohne die gehörigen Zwangsmittel) wohl auch am folgenden Tage ihre Dienste nicht sonderlich würden verrichtet haben. Ich muß besorgen, daß das Uebel einreißt, wenn ich nicht ernstlich steure, und ich spüre immer, daß die Dumpfheit länger nachhält, wenn ich ihn so behandle wie Sie. Zudem haben die kleinen Beschäftigungen der Art bei mir schon sonst ihre angewiesene Stelle, nemlich bei dem Verwechseln einer Arbeit mit der andren, welches bei mir aus einer andren Art von Unfähigkeit oft nöthig ist. Indessen begegnet es mir wohl, daß ich im Unmuth bisweilen die Strenge übertreibe, nur im Ganzen ist sie mir gewiß heilsam. [...]
Denken Sie, daß ich mich entschlossen habe einen Aufsaz von Jenisch im Brennus zu lesen; ich meinte, es könnte doch vielleicht etwas darin stehn. Ist das nicht grade wie ein Sezen in die Lotterie, weil ich meine, ich könnte doch einmal etwas gewinnen? Dieser Jenisch, den wir alle kennen, giebt sich da ein Ansehn, als läge ihm die Religion Wunder wie am Herzen. Wer sich etwas auf die innere Wahrheit versteht, der müßte es freilich dem großmäuligen Ton gleich anmerken, wieviel ungefähr daran wäre, aber wie viele verstehen sich darauf? Daß ein solcher Mensch den Leuten noch Sand in die Augen streuen soll, sehn Sie, das kann mich verdrießen, und es könnte mich ganz burschikos anwandeln, ihm aus freier Faust auf öffentlicher literarischer Heerstraße eine Ohrfeige zu geben, wenn ich so meinem inneren Gelüst folgte. –
[...] Ich wollte, der Teufel holte die Hälfte alles Verstandes in der Welt – meine quota will ich auch hergeben, wie|wohl ungern – und wir könnten dafür nur den vierten Theil der Phantasie bekommen, die uns fehlt auf dieser schönen Erde. Aber er wird sich hüten, denn er muß wissen, daß sein Reich schlecht bestehen würde. – Mir mag es wohl auch gefehlt haben an Phantasie, um das zu entdecken, was Sie mir von Spalding und der Eichmann und dem Nichtverstehen haben sagen oder nicht sagen wollen. Es sei aber auch, was es sei, ich bewundre Sie über das Ahnden davon, da Sie die Eichmann gar nicht kennen – doch nein, ich bewundre Sie nicht. Es ist mir auch öfters so gegangen. Wenn man nur einigermaßen die Leute kennt, durch deren Medium man einen dritten sehen muß, so findet man sich mit etwas Regula de Tri der Phantasie wohl zurecht. Uebrigens weiß ich es wohl, daß sämmtliche Spaldings die Eichmann nicht ganz richtig sehen, wie sie ist. Wieviel gehört aber auch dazu, liebe Freundin, um einen Menschen recht zu sehen und was! Wir haben beide [diese] Fähigkeit und ich könnte uns [drüber] recht loben und nicht tadeln – tadeln ist ein schlechtes Wort [doch] geben Sie mir ein besseres. Nemlich es muß der Mensch sich selbst kennen, und nicht nur das, sondern er muß auch Alles in sich gefunden haben. Die rechte Einfalt und Unschuld wird zu einer solchen Menschenkenntniß nicht kommen. Aber wer von allem verkehrten und verderbten, wenn auch nur ein Element, in sich entdeckt hat, in dem das wesentliche doch ganz liegt, und dann auch von allem Großen und Schönen eine Spur, und dabei eitel genug ist, sich aus dieser Spur die ganze vollendete Gestalt heraus zu phantasiren – sehen Sie, der ist zur Menschenkenntniß gemacht. Wie groß komme ich mir dabei vor, daß ich weiß, ich habe Ihre Erlaubniß Sie da so mit zu meinen und Ihnen dies sagen zu dürfen, ohne daß es irgend etwas schadet. Und ist es nicht fast kindisch daß ich darüber noch ordentlich reflektiren kann, da es doch ganz etwas Altes unter uns ist? –
Demnächst habe ich noch eine Protestation einzulegen gegen Ihre Meinung, daß meine Gedanken mich liebend und zärtlich behandelten. Gar nicht, liebe Freundin! Die Hunde sind Ihnen manchmal solche precieuses ridicules, daß es nicht zu ertragen ist. Wenn ich Ihnen einmal das Wesen ganz beschreiben sollte mit ihnen, Sie würden lachen und seufzen. Es ist eine schöne Aufgabe von Friedrich, daß ein recht gebildeter Mensch sich in jedem Augenblick soll stimmen können, wie er will. Das lächer|lichste dabei ist, daß Niemand auf Erden weiter davon entfernt ist als er, das traurigste, daß man eben freilich noch viel zu wenig wahre Freiheit hat, das beste aber, daß, wenn diese Aufgabe ganz vollkommen gelöst wäre, dann der schönste Zauber des menschlichen Lebens, der Reiz des Umganges mit sich selbst und das lieblich wehmüthige Gefühl von der magischen Gewalt der Natur, das Alles hin wäre. [...]
Metadata Concerning Header
  • Date: Donnerstag, 30. September 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 154‒157.

Zur Benutzung · Zitieren