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Georg Andreas Reimer to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Berlin am 8n October 1802.
Schon längst hätte ich Deinen letzten Brief beantwortet, lieber Schleiermacher, Dir auch wohl schon früher geschrieben, wenn ich nicht zuerst nach meiner Zuhausekunft durch die während meiner Abwesenheit angehäuften Geschäfte daran verhindert worden wäre, und wenn ich nicht späterhin gewünscht hätte Dir zugleich die verlangten Bücher mitschicken zu können, denn ich knüpfe gern an etwas Aeusseres um dadurch gleichsam eine Rechtfertigung für mein Unternehmen zu haben. Dennoch würde dies schon vor 8 Tagen geschehen seyn, wenn ich nicht erfahren hätte daß Du damals kurz zuvor nach Königsberg gereist wärest. Ich erfuhr dies durch eben den Bagge, über den ich Dir Nachrichten ertheilen soll, und zwar hatte es dieser von der Herz gehört (also auf demselben Wege, nur im umgekehrten Verhältniß, auf welchem Dir meine Zurückkunft kund geworden). Deine Aufgabe Dir über Schildener und Bagge etwas zu schreiben ist gewiß nicht wenig schwierig; nicht nur deshalb weil ich beide eigentlich zu wenig kenne, sondern weil ich, wenn dies auch nicht im Wege stände, sie zu durchschauen vielleicht nicht ganz im Stande wäre. Und wer vermag denn überhaupt zu sagen, er habe das eigentliche Wesen des Andern erkannt? In so ferne kann jede Schilderung eines fremden Individuums nur als Medium dienen, durch welches sich der Darsteller selbst nur näher offenbart, | und hierauf hast auch Du selbst in Deinem Briefe schon hingedeutet.
Bagge scheint mir bei recht viel gutem Willen, oder eigentlicher bei herzlichem Verlangen nach dem Bessern nicht genug Selbstständigkeit zu besitzen. Er ist zu mühseelig, will sich nach und nach mit allen Wissenschaften beschäftigen, und scheint es folglich nicht zu begreifen, daß wie es nur eine Tugend (Wahrheit) giebt, es auch nur ein Wissen geben kann, aus dem sich alle Wissenschaft nothwendig von selbst entwickeln muß. In dem schwankenden unsichern Zustande, in welchem er sich daher befindet vermischt er im Leben oft unbedächtig das rein Geistige mit dem bloß Menschlichen, und veranlaßt dadurch Irrungen und Störungen der Verhältnisse, die ihm jedoch an sich werth sind. – Was ich Dir sonst noch über ihn schreiben könnte ist mir in diesem Augenblicke nicht klar genug. Eine der bessern Naturen ist er gewiß.
Viel schwerer wird es mir noch Dir von Schildener zu schreiben, nicht allein weil er unstreitig unendlich viel mehr wie Bagge ist, sondern weil auch meine Verhältniße zu ihm von so ganz eigener Art sind, daß ich Dir schwerlich, ohne fremde Beimischung, ein Bild von ihm werde entwerfen können. Wir haben nemlich als Kinder, als Knaben, bis zum Jüng|lingsalter im engsten Vertrauen gelebt; ohne daß ich es eigentlich Freundschaft nennen möchte, waren wir dennoch, bei der größten Verschiedenheit unserer Naturen, uns von beiden Seiten unter allen unsern Bekannten am nächsten; nun wurden wir während eines Zeitraums von beinahe 8 Jahren so durchaus von einander getrennt, daß wir uns nicht anders in der ganzen Zwischenzeit, als einmal auf wenige Stunden sahen, und auch sonst in gar keiner weitern Berührung durch Briefwechsel pp standen. Jetzt habe ich ihn nun als Mann wieder gefunden in der vollen Thätigkeit seiner wirkenden Kräfte; doch hat der Ernst der Männlichkeit nicht des Lebens schönste Blüthe in seiner Brust zerstört; voll und kräftig regt sich in ihm der Jugend frische, unverwelkliche Lust. Die unendliche Kluft vom reifenden Jünglinge zum ausgebildeten vollendeten Manne hat er also überschritten, ohne daß ich die nähern Verhältniße und Beziehungen dieser wichtigen Lebensperiode kenne; der frohe lebensbegierige Knabe ist also für mich hineingewachsen in den ernsten, lebenserfahrnen Mann, und so erscheinen mir nun des Lebens entlegenste Momente in der innigsten Vermischung. Dies also ist im allgemeinen der Standpunkt meiner Ansicht von Schildener; und nun | zu dieser Ansicht selbst. Schildener ist eine der reichsten und kräftigsten Naturen zugleich, die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind. Mit Klarheit und Ruhe durchschaut er des Lebens innerste Verhältniße, und der unendlichen Freiheit, mit der er die Productionen seines Geistes darstellt, vermag nichts zu widerstehen, selbst die Ueberzeugung des höhern Rechtes nicht. Wahrheit ist der Spiegel seines Lebens, und er achtet sein selbst nicht um ihrentwillen. Sein eifriges schönes Bestreben ist sich selbst zur höchsten Vollendung zu bringen; aber so rasch ist er dabei in seinem Streben, daß er oftmals Ungerechtigkeiten gegen fremde Individuen begeht, weil ihm der Geselligkeit milde Tugend fehlt. Es hat nemlich das allbelebende Princip, die heilige, unendliche, ewige Liebe, obgleich sie ihm nicht fremd ist und seyn kann, dennoch nicht innig genug sein Wesen erfüllt und durchdrungen, und dies ist – wenn ich noch einmal alle Verhältniße klar und ruhig zusammennehme und vergleiche – nach meiner innigsten Ueberzeugung das einzige was man ihm vorzuwerfen im Stande ist. Freilich viel – sehr viel, doch hoffe ich bei ihm noch hierin alles von der Liebe. Bei Muhrbeck ist diese Hoffnung | gewiß eitel. Sein ganzes Wesen ist zu sehr aufgelöst, und zerflossen im Aether, als daß er es je wieder so sammeln könnte, um es mit Ruhe und Kraft auf ein bestimmtes Ziel hinrichten zu können. Das Resultat meines Urtheils über ihn darf ich nicht aussprechen, aber Jammer und Wehmuth erfüllt mich bei dem Gedanken, daß soviel Schönheit sich selbst zerstören, und so elend verderben muß. Es hat mich gewundert daß Du sagst Du habest durch Willich ein besser Bild von Schildener erhalten, er sei Dir beßer, fester und wahrer erschienen, wie aus meinen Reden. So viel ich mich erinnere habe ich nur allgemein, aber gewiß so sehr, meinem Wunsche nach wenigstens, zu seinem Vortheile gesprochen, daß ich in meinem jetzigen Urtheile jenes wohl schwerlich unbedingt unterschrieben habe. Erkläre mir doch dies.
Wie lieb es auch mir gewesen wäre, uns alle einmal beisammen zu sehen, habe ich Dir schon in meinem frühern Briefe geschrieben, und ich werde die, für die frohsten Stunden meines Lebens halten, welche dieses Wunsches Erfüllung mit sich führen. |
Mein Brief an Süvern ist doch nicht so fruchtlos gewesen, wie Du es glaubtest; seine Antwort, wenn ich sie Dir mittheilte, würde Dich davon überzeugen. Daß von Trost im eigentlichen Sinne nicht die Rede seyn konnte versteht sich von selbst; denn es giebt nichts Elenderes, als solchen, und wer sich nicht einmal selbst mehr zu trösten vermag, oder fremden Trostes bedarf, der ist nicht der Rede werth. Aber warum sollte man dem Zagenden nicht Muth einsprechen können? Welcher Unfall auch immer das Leben treffen möge, ist es denn darum verloren, wenn man es nur nicht selbst aufzugeben verzagt genug ist? Und wenn Liebe des Lebens Werth unendlich erhöht, soll es denn Mißliebe gänzlich zerstören? Nein gewiß nicht! Weit über alle Schickung hebt den Muthigen der freie Wille, und der Moment des kühnen Entschlußes ist zugleich des neuen Lebens Beginn. Ein bloßer Irrthum kann nicht zum Verderben führen! Ernster wird freilich für Süvern so des Lebens Bedeutung, weil ihm Anmuth und Einheit fehlen wird; aber je mehr ihn die Verhältniße desselben (seine äußere Lage) drücken, um so freier wird er im Aether schweben. Denk an Göthe’s Künstler!
Noch hat Süvern ein Kind, das ein wahres Wunder ist, bei noch nicht 9 Monaten ist es weiter, wie das meinige das 11 Wochen älter ist. Jenes spricht schon etwas, ahmt schon nach u. s. w. Auch im Äußern gedeiht es so: hat 7 Zähne unter denen ein Augzahn, richtet sich allein an Stühlen in die Höhe und dgl.
Nun hoffe ich wird bald die Zeit verstrichen seyn, die mich bis jetzt von der Freundin Deines Herzens scheidet. Ich sehne mich sehr darnach sie näher zu kennen, | und freue mich innig auf die Zusammenkunft mit ihr. Glaube es mir heilig und fest, daß ich die Ueberzeugung hege Du werdest oft unter uns seyn, und gewiß wirst Du auch abwesend uns zuerst zusammenführen, wir werden Dich ahnden, und halten in Liebe.
Was Du über das Verhältniß der Freunde zu den Freunden und zur Freundschaft, und von dieser zur Liebe sagst ist sehr schön und wahr, und ich stimme gern und willig ein.
Mein Kind ist jetzt wieder wohl und munter; es ist sonst ziemlich stark und rüstig, doch dabei eben ausgezeichnet auf keine Weise
Es wird mir sehr lieb seyn, wenn Du mir bald einen Abschnitt der Critik der Moral schicken kannst, damit der Druck noch vor Neujahr beginnen könne, weil gewöhnlich nachher die Pressen alle sehr besetzt sind, und der Druck nur langsam fortschreitet. Schicke mir also immer was und soviel Du kannst bald. – Die verlangten Bücher empfängst Du hiebei alle, auch den Athenaeus und die Geschichte der Jungfrau von Orleans; der 6te Band des Aristoteles ist noch nicht heraus. Schwarz Erziehungslehre hatte mir Göschen auf meine Anforderung noch einmal, jedoch mit dem Bemerken geschickt, er habe sie schon einem Buchhändler für Dich gegeben, da Du sie nun erhalten hast, so werde ich ihm das Exemplar Ostern zurück geben. – An der neuen Darstellung der WissenschaftsLehre arbeitet Fichte noch fortdauernd. – Heindorffs Plato ist wirklich erschienen. Von Göthe habe ich beide Sammlungen zum Buchbinder besorgt, und wie Du gewünscht hast die elegante Ausgabe; so auch Novalis. |
Deine Anweisungen habe ich besorgt. Du irrst Dich aber sehr wenn Du glaubst ich erwartete Geld von Dir; ich werde vielmehr froh seyn wenn Du nach Ostern einige Nachsicht mit mir haben willst. Ich sage dies nemlich mit Bezug auf das Honorar für die Kritik der Moral. Ich bin durch Friedrich Schlegel, und noch einige andere Verbindungen, wirklich in einige Verlegenheit gerathen. Schlegel versprach mir nemlich wie Du weist Ostern, wo ich ihm 200 Rth Vorschuß darauf zahlen mußte, zwei dramatische Stücke; nun schickt er sie nicht nur nicht zur rechten Zeit sondern verlangt auch noch von neuem 30 Friedrichsd’ors von mir. Dies ist mir um so unangenehmer da ich ihm sagte und schrieb, ich könne nicht darauf entriren, wenn er nicht sein Versprechen erfüllen zu können Gewißheit bei sich hätte. Jetzt schreibt er mir ich soll sie zu Ende des Jahres haben. Geld werde ich ihm indeß immer noch schicken müßen, wenn er nicht in Verlegenheit gerathen soll. Die Einlage ist von ihm. Er ist eben nicht sehr zufrieden, und schreibt mir „Das Leben hier besteht aus lauter Negationen: keine Fantasie, keine Liebe, keine Kunst, keine Religion, d. h. also ziemlich nach allen Seiten hin Null“, u. s. w. Der 1ste Band des Plato muß seinen Aeußerungen nach wohl vollendet seyn. Jetzt aber hat er mehrere andere weitaussehende Pläne: beschäftigt sich mit dem Aristoteles, will eine Zeitschrift Europa, die sich hauptsächlich mit der Kunst beschäftigen soll, herausgeben, eine Darstellung der ihm eigenthümlichen Ansicht der Philosophie, ein Stück von Corneille übersetzen, und mit einer Einleitung begleiten[,] die Uebersetzung französischer Romane besorgen, und noch mehr, was ich wieder vergeßen habe. Dies weiß ich theils von Sander, dem er mehreres angeboten, theils von August Schlegel. Letzterer übersetzt jetzt den Calderon. Den zweiten Band von Novalis werde ich Dir bald schicken können. Das Stück von dem ich Dir einmal sprach, und das Friedrich Schlegel ein ganz vollendetes Mährchen nannte hatte sich nun auch noch gefunden. Es heißt die Lehrlinge zu Sais, und ist eine göttliche Darstellung des innern Lebens der Natur; aber leider auch nur Fragment!
Lebe wohl, liebster Freund. Mein Weib grüßt Dich herzlich. Wir tragen Dein Bild sehnsüchtig in unsern Herzen
G.R.
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  • Date: Freitag, 8. Oktober 1802
  • Sender: Georg Andreas Reimer ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Berlin · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 158‒164.

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