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Friedrich Schleiermacher to Ehrenfried von Willich TEI-Logo

Stolpe d 9t. Octob
Wenn mein Brief eben so langsam zu Dir komt lieber Freud als der Deinige zu mir: so kommt er doch zu spät ohnerachtet ich den nächsten Posttag nach Empfang des Deinigen schreibe, den ich erst vorgestern erhalten. Meine Schnelligkeit ist aber doch ganz rein von allen Nebenabsichten, ein natürliches Product meiner schreklichen Einsamkeit in der ich gern den Umgang mit den Entfernten so viel als immer möglich in ein Gespräch verwandeln möchte. Ich brauche Dir wohl nicht erst zu sagen, daß ich in dem Sinne, in welchem Du mir schreibst ganz einig mit Dir bin. Sich eine bestimmte Zeit zu sezen, das hätte wohl etwas sehr unbequemes; das rechte ist wohl der feste Vorsaz die erste Gelegenheit zu benuzen die sich darbietet um die Mutter vorläufig mit dem was bevorsteht bekannt zu machen. Darum habe ich Leonoren schon selbst gebeten, und ich vermuthe beinahe sie hätte schon während der Anwesenheit ihrer Mutter eine solche Gelegenheit gehabt wenn sie nicht zu besorgt gewesen wäre. Ich habe ihr auch daneben vorgestellt welch ein widriger und unsittlicher Zustand es ist gewissermaßen auf den Tod ihrer Mutter zu warten. Noch einmal werde ich ihr mit Deinem Briefe meine ganze Ueberzeugung hierüber schreiben dann habe ich mein Gewissen gereiniget und will sie gewähren lassen. Ich glaube es könnte jedes Mal wo sich Unannehmlichkeiten mit Grunow ereignen der Mutter nicht anders als beruhigend sein zu wissen daß das ein Ende nehmen wird. So lange Leonore eine lebhafte Ueberzeugung hatte von der unmittelbaren Gefahr in der ihre Mutter schwebte hielt ich es für grausam sie anzutreiben, und ich glaubte daß Du das einigermaßen gethan hättest | ich wünschte Leonoren diese Zeit der Gegenwart ihrer Mutter recht ungestört zu genießen, und so viel als möglich ohne an sich selbst zu denken, und es that mir leid daß sie durch Dich sollte herausgerissen worden sein. So entstanden meine Aeußerungen gegen Dich lieber Freund, und ich hoffe daß wir uns nun vollkommen verstehen. Auch Leonore soll Deinen Brief lesen um Dich ganz zu verstehen. Wer weiß ob sie nicht während meiner Königsberger Reise, die mir ich weiß nicht warum als ein kritischer Punkt erscheint, auch Gelegenheit und Anregung findet, etwas entscheidendes zu thun. Ich kann wohl sagen daß mich herzlich danach verlangt und daß mir mein gegenwärtiger Zustand je länger je schlechter vorkommt, Du wirst ja wohl verstehen wie sich damit doch die Geduld verträgt.
Jette hat mir seit undenklicher Zeit nichts geschrieben. Freilich war sie erst in Lanke, und nun ist Johanna bei ihr, aber es ist doch unverantwortlich. Sie hat auch Unrecht Leonoren so wenig zu sehn. Jette ist weit freier und wenn sie nicht die Unart hätte ihre Zeit gewöhnlich auf so lange vorher zu bestimmen wodurch sie dann oft gehindert wird einen Augenblik der sich ihr darbietet besser zu benuzen, so könnte sie sich recht gut einrichten. Es wird ihr selbst leid thun in der Folge; ich habe ihr schon davon geschrieben und will es noch deutlicher thun. Du kehrst nun nach Prenzlau zurük und ich wollte Du könntest Dir die Möglichkeit aussparen einige Tage diesen Winter in Berlin zuzubringen. Wie wohlthätig würde es Leonoren sein wenn sie den entscheidenden Schritt gethan hat ein so befreundetes männliches Wesen um sich zu sehen. Wenn die Arme | nur diese Zeit erst überstanden hätte.
Mit dem Briefe Deiner Freundin hast Du mir ein angenehmes Geschenk gemacht, fahre nur fort recht wohlthätig auf sie zu wirken und ihr Vertrauen zu sich zu geben. Wie es mich besonders erfreut wenn die Monologen das im Innersten des Gemüthes verborgene Gute und Schöne so anregen, das darf ich Dir nicht erst sagen. Rührend ist es mir immer, und ich segne den Einfall sie zu schreiben der mir recht wie eine Eingebung gekommen ist. Ich darf hoffen wenn ich erst mit Leonoren lebe, mit ihr und durch sie noch mehr hervorzubringen was befreundete Seelen anzieht und von der verborgenen Gemeinschaft der besseren Geister Ahndung giebt. Ich säe jezt; eine Menge von Keimen fangen an sich zu regen in meinem Geist, ich hoffe auf den schönen Sommer dessen Wärme sie organisch ausbilden wird.
Befremdet hat es mich etwas in dem Briefe Deiner Freundin gar keine Erwähnung ihrer Kinder zu finden. Daß nun diese gute Seele in Berlin sein wird ohne vielleicht Jette zu sehen, ist recht übel. – Auch meine Obristin, die während sie im Bade war Wittwe geworden ist, hält sich jezt in Berlin auf, und ich wollte es ihr auch gönnen unsre Freundinnen kennen zu lernen, kann aber nichts dazu thun. Für sie hoffe ich nun auch noch auf einen schönen Nachsommer; auch die herbstliche Sonne muß wohlthätig und belebend sein.
Was ich Dir von Henriette Sack schrieb sollte eben nichts sein als ein Fingerzeig. Eigentlich ist es gegen meine Art so etwas auch nur zu sagen, und dieses Sagen soll nur die Stelle vertreten von der Art wie ich würde gesucht haben Dich mit ihr zusammen zu bringen, auch ohne Dir vorher das Geringste zu sagen. Vorgefaßte Eindrüke, die mehr sind als eine bloße Notiz, und dabei doch nur mittelbar können eigentlich nur störend wirken. Es ist mir | also recht lieb, daß ich Dich nicht erwärmt habe, ich hoffe sie wird Dich selbst nach und nach erwärmen wenn Du sie kennen lernst.
Gewissermassen lieber Freund nehme ich Abschied von Dir den 18ten trete ich meine Reise nach Königsberg an, vorher kann ich keinen Brief von Dir erwarten, und von meinem dortigen Aufenthalt weiß ich noch wenig ganz bestimmtes zu sagen[.] Vorläufig habe ich was ich weiß Eleonoren geschrieben, und wenn Du noch etwas von Dir wissen lassen willst so schike nur Deinen Brief an sie oder Jette.
Grüße mir Wolf und Julien. Nach allem was ich höre muß ich glauben Du wirst sie in einer etwas schwierigen und verwirrten Lage finden; ich glaube aber es wird Alles gut werden nur muß man sie ruhig gehn lassen und besonders auch Wolf. Es ist nur Juliens Standhaftigkeit und Liebe, welche die wunderliche Unklarheit überwinden kann die in ihr ist.
Meiner warten auf meiner Königsberger Reise mancherlei Freuden des Wiedersehns und auch des ersten Findens. Die entferntern äußerlichen Folgen liegen im Schooße der Götter. Ich werde ganz unbefangen thun was ich kann ohne mich zu irgend etwas gegen meinen Charakter zu verstehen. Die größere Entfernung wird nur scheinbar sein. Denn da 3 Prediger an der Kirche stehen, so giebt es Berlin ausgenommen keinen Ort wo ich so leicht jährlich einen Urlaub erhalten könnte.
Lebe wohl, grüße Luisen und laß mich nur recht oft von Dir hören.
Wann ist denn das Heute Deines Geburtstages? Das mußt Du uns sagen; wir halten Alle darauf.
Dein
Schl.
Metadata Concerning Header
  • Date: Samstag, 9. Oktober 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Ehrenfried von Willich ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Schwerinsburg ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 164‒167.

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