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Ludwig Friedrich Heindorf to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Diesmal behalte ich Recht gegen Dich, Brüderchen. Nie habe ich etwas löblicheres und klügeres gethan, als daß ich wieder mit dem Arzte gewechselt habe, und ich hoffe deswegen noch auf ein Belobungsschreiben von Dir. Höre nur. Ehe ich nach Lichtenberg zog, versprach mir Augustin, mich dort wenigstens alle acht Tage zu besuchen. Statt dessen kam er höchstens alle 4 Wochen, im Ganzen nur viermal, ungeachtet ich ihm mehrmals klagende Billete über meine Brust schrieb, und ihn darin öfter bat, sich auf meine Rechnung von meinem Fuhrmann jedesmal einen Wagen zu nehmen. Er schickte mir sogar Arzenei, ohne mich gesehen zu haben. Die Arzenei war mit kleinen Verändrungen immer dieselbe; einige Gran 4–6 digitalis purpurea in eine große Flasche Wasser aufgelöst, etwas Liquiritia und dazu soviel viel nitrum, daß ich nach Rosens Aussage binnen 2 Monaten 1/4 Pfund verschluckt habe, wobei denn natürlich der Unterleib nicht stille blieb. Der beständige Genuß der Luft, sanfte Bewegung, Entfernung von aller Anstrengung und vierzig laue Kräuterbäder thaten keine merkliche Wirkung auf die Brust; ich blieb engbrüstig, hustete des Morgens, und hatte so starken Drang des Bluts nach der Lunge, daß ich oft im Gehen stehen bleiben mußte. Da indessen Augustin immer versicherte, es sei bloß Schwäche und erhöhte Reizbarkeit der Lunge, so beruhigte ich mich. Die Hitze trieb mich in die Stadt, wo ich gleich nach der Ankunft Augustin besuchte. Ich konnte auf seiner Stube vom Treppensteigen kaum Athem holen und hatte kurzen Husten; ich klagte über Brust und Unterleib, und bat ihn dringend, nun eine entscheidendere Cur anzufangen. Aber er wollte wieder von einer bestimmten Krankheit der Brust nichts wissen, rieth mir, wieder einen Versuch in Stundenhalten zu machen; die mäßige Anstrengung werde mich stärken; das Blut, das ich zuweilen des Morgens auswarf, komme aus den Bronchialdrüsen; ich sollte die alte Arzenei immer fortsezen, | von der Digitalis Purpurea könne man sich vor Jahr und Tag keine Wirkung versprechen (ipsissima verba!); doch sollte ich nebenher probiren, Molke zu trinken. Das that ich, und dabei litt mein Magen und Unterleib so sehr, daß ich fast gar nichts mehr essen konnte. Vierzehn Tage sahe ichs so ruhig an; er besuchte mich nicht; er, der im vorigen Winter alle Tage kam, und durch sein langes Bleiben und Plaudern über allotria manchmal lästig wurde. Endlich fing ich an, einige Stunden zu halten; die erste am Montag gings; Nachmittag aber schon schlechter, und Dienstag früh war ich so engbrüstig und so zum Husten gereizt, daß mir die Stimme verging und der Angstschweiß ausbrach, so sachte und langsam ich auch sprach. Ich mußte mir also gleich wieder auf unbestimmte Zeit frei machen. Da saß ich nun, ununterbrochen von kurzem Husten gequält, ganz entkräftet, mit der schönen Aussicht, an der Schwindsucht zu sterben. Vernünftigerweise mußte ich denken, daß Augustins Ansicht von meinem Zustande sich nicht gleich ändern, und so das Übel in der Brust immer mehr einwurzeln würde. Ich dachte an Hufeland; aber Dellbrück widerrieth mirs wegen seiner Ungeheuern Menge von Geschäften und schlug mir Grapengießer vor, von dem ich schon viel herrliche Curen gehört hatte. Ich schrieb also in der desperation an ihn, und Gott sei Dank, daß ich es gethan habe! Augustin, der mich am folgenden Tage noch einmal besuchte, sagte mir ziemlich empfindlich; was ich denn wollte? Die Schwindsucht hätte ich nicht, es sei bloß erhöhte Reizbarkeit der Lunge, wogegen er Antiphlogistica empfehlen würde; ich könnte noch lange in diesem Zustande bleiben, und würde überhaupt immer kränkeln etc. Grapengießer erklärte meinen Zustand für nicht gefahrvoll, aber doch der Hülfe bedürftig, wenn er nicht gefährlich werden sollte. Vor allem müsse er mich durch nährende Mittel erst etwas wieder auf die Beine bringen, um so den eigentlichen Sitz des Übels kennen zu lernen. Ein katarrhalisches Fieber, das gleich dazu kam und acht Tage dauerte, beachtete er gar nicht, und es verging von selbst. Das Hauptmittel, das er mir fürs erste anrieth, kriegte ich glücklicherweise gleich, eine milchende Eselin. | Daneben mußte ich anfangen, Porterbier statt des Weins zu trinken, und sonst ein Decoct von Hirschhorn mit S[ ] und Capillärsyrup; seit einiger Zeit auch ein Decoct von Island-Moos, China und Dulcamara. Die Milch trinke ich des Morgens ein Bierglas voll nüchtern, und in meinem Leben, lieber Freund, habe ich von keinem Mittel so schnell so wohlthätige Wirkungen gemerkt, als von diesem. In 14 Tagen hatte ich wieder zugenommen, der Husten verlor sich, der Auswurf ist unbedeutend, ich fühle neue Lebenskraft und Grapengießer hat die beste Hoffnung, mich diesen Winter wenigstens in diesem ungleich bessern Zustande zu erhalten, und das Drüsensystem, worin er den Grund meines Brustübels sucht, nach und nach wieder in Ordnung zu bringen.
Glaube nicht, lieber Schleiermacher, daß ich zu früh triumphire. Ich fühle mich bei dem Allen noch immer sehr schwach. Jeder Versuch, freie Luft einzuathmen, selbst in den schönsten Stunden, ist mir übel bekommen, daher ich beständig im Zimmer bleibe; das Schreiben selbst eines Briefes erhitzt mich so und treibt das Blut so nach der Lunge, daß ich oft einhalten muß (diesen Brief habe ich schon vorgestern angefangen) das Sprechen wird mir leichter, aber doch immer noch sauer; auch kommen mit unter kleine Störungen, Durchfall, Schnupfengeschichten und dergleichen. Aber bei dem Allen bin ich jetzt gesünder, als im Sommer, und ununterbrochen heitrer, als seit mehrern Jahren; nur daß mich sehr oft die Langeweile peinigt; denn mit dem Plato kann ich mich nur immer Viertelstundenweise beschäftigen, und auch das nicht so, wie ich wünschte. Besuch habe ich wenig, und längern wünsche ich auch nicht, weil mich das Sprechen so erhitzt. Ruhe und Geduld sage ich mir beständig vor, und es hilft, ich habe darin schon große Progressen gemacht.
Nun denke ich Dich, mein braver Freund, über meinen Arzteswechsel beruhigt zu haben. Gewiß, ich will Dir recht oft, wenigstens alle 14 Tage, Nachricht von meinem Zustande geben, wenn ich Dir auch nichts Besseres schreiben kann. Heute noch so einiges, wie mirs einfällt.
Im Theaetetus ist mir die Stelle p. 86. Ουκουν εγω τε ουδεν αλλο ... συνδεδεσθαι noch immer dunkel. Du thust mir einen großen Gefallen, wenn Du mir besonders die ersten Sätze | Ουκουν εγω τε ουδεν αλλο ... αλλοιον γενησεται, und nachher ειπερ ἡμων ἡ αναγκη ... συνδεδεσθαι einmal recht klar machst. Dafür will ich dir gleich einige Emendationen geben. P. 84. linea 5. a fine muß man abtheilen Ανομοιον δη που. Σωκρατης: και ετερον αρα οὑτως ὡσπερ ανομοιον. Vergleiche nur die Sätze P. 83. fine Αδυνατον τοινυν und darauf Αρ’ ουν και ανομοιον etc. P. 85. linea 5. a fine lege εγεννησαμεν, wie oben γεννησομεν. Das εγεννησατην ist vom Cornar; die [Ausgaben] Aldus und Basel 1. 2. haben εγεννησαμην. So ist das schlechte εστι p. 79. linea 8. in den Worten ουκ εστι παγιως bloß eine schlechte Ändrung des Cornar. P. 64. linea 3. ᾐ δη προαγωγειᾳ ονομα. Die Graecitas fodert den Nominativ προαγωγεια. P. 60. linea 7. Das μηκος ist doch sonderbar statt μηκη, wie gleich darauf δυναμεις. Auch der doppelte Dativ μηκει – εκειναις will mir nicht so recht gefallen. Fast möchte ichs umstellen und lesen μηκη ὡρισαμεθα ... ὡς μηκος μεν etc. Das ελαιον in ελαιου ῥευμα αψοφητι ρεοντος p. 52. ist nun ganz gewiß, da Dionysios Halikarnassos T. 2. p. 175 sagt λεξιν ὑγραν και ωσπερ ελαιον αψοφητι ρεουσαν.
Ich schreibe Dir dies wenige, damit Du siehst, daß ich auch in meinem jetzigen Zustande mich nicht ganz vom Plato trennen kann, und meinem Versprechen trauest, daß ich die ersten Tage einer dauerhaftern Genesung dazu verwenden werde, den Sophista mit Dir recht wacker durchzuarbeiten. Vor 4 Wochen hatte ich schon einen höchst traurigen Brief an Dich fertig, mit dem ich Dir Deine Schedas zurück schicken wollte! In diese Stimmung mag ich nie wieder kommen. Der Brief war eine Antwort auf Deinen Auftrag an Riemer, der meiner Meinung nach zu spät kam. Ich erhielt nämlich Deinen Brief Sonnabends um 4 Uhr, und nach dem, was mir Riemer drei Tage vorher mündlich für ganz gewiß versicherte, wollte er den Tag darauf abreisen. Da war nun kein Bote nach Tegel mehr zu finden, ungeachtet ich danach umherschickte. Hinterdrein habe ich mit Verdruß gehört, daß er doch erst einige Tage später abgereist ist. Die andre Comission wegen des Plutarch verspare ich, bis ich von Dir höre, ob das Gerücht, das schon seit mehrern Wochen hier herumgeht, Du werdest nach Königsberg ziehn, gegründet ist oder nicht. Ist dies nicht, so schicke ich Dir den Plutarchus sammt meinem großen Aristoteles, den ich entbehren kann. Die Moralia | von Wyttenbach sind ja nun in 5 Bänden fertig. Vorgestern habe ich von Eichstädt einen Brief erhalten, worin er mir schreibt „Sehr interessant war mirs auch, Herrn Schleiermacher durch Ihr Buch von einer Seite kennen zu lernen, von welcher mir dieser scharfsinnige Kopf vorher unbekannt war. Ich hoffe selbst Ihnen beiden meinen Dank etc. noch öffentlich abzustatten.“ Du weißt also nun, was wir in den LitteraturZeitungen zu erwarten haben. Zugleich habe ich mit Spalding ein Diplom als Mitglied der lateinischen Gesellschaft gekriegt, eine Posse freilich, aber vielleicht kann man es künftig wozu gebrauchen. Über die Stelle vom Amphion und Zethus im Gorgias ist nachzusehn Valckenaer Diatribe in Euripidis Reliquias p. 70 seqq. und Piersonus Praefatio ad Moeridem p. 43. seq. wo er die Verse herzustellen sucht. Beide Bücher habe ich jetzt nicht bei der Hand, und ebenso wenig das Wölfische Heft über den Meno, das Spalding hat. Daraus will ich Dir nächstens seine Erklärung schicken, die mich aber nie ganz befriedigt hat. Er geht davon aus, daß Meno ganz rudis in der Mathematik sei, folglich hier gar keine Frage aus der eigentlichen Geometrie zu suchen sei.
Soweit hatte ich vor sechs Tagen geschrieben. Seit dem habe ich, Gott weiß woher, immer Anfälle von Fieber gehabt mit Durchfall und Mattigkeit. So habe ichs von einem Tage zum andern verschoben, Dir noch allerlei, was ich in Gedanken hatte zu schreiben. Heute ist mir besonders sehr übel zu Muthe, und ich muß nun den Brief fortschicken. Sonst liegt er noch länger und Du weißt nicht, wie Du mit mir dran bist. Meine schöne Hoffnung verliert sich doch nach und nach wieder. Bedaure Deinen armen Freund
Heindorf.
d. 26 Oct. 2.
Metadata Concerning Header
  • Date: 18. oder früher bis 26. Oktober 1802
  • Sender: Ludwig Friedrich Heindorf
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Lichtenberg (Berlin) ·
  • Place of Destination: Königsberg · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 173‒177.

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