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Friedrich Schleiermacher to Henriette Herz TEI-Logo

Königsberg. den 26ten Octobr 1802
Eben, liebe Jette, habe ich in einem Buch von Scheffner etwas gelesen über die Koketterie, was mich natürlich auf | Deinen vorletzten Brief und die Confessionen in demselben zurückführt. Ich mögte aber wieder bei der Frage anfangen was nennst Du Koketterie? Wollen wir an den Sokrates denken der eine Athenische Heteire in der Kunst unterrichtet die Menschen zu fangen? Etwas Ähnliches ist es freilich immer; allein es macht doch darin ob diese Kunst eine liberale oder illiberale ist einen großen Unterschied ob der ganze Mensch gefangen werden soll oder nur seine Sinnlichkeit? Das letzte ist nach meiner Ansicht die Koketterie welche eigentlich zu tadeln ist, und zwar um so mehr wenn sie nicht auch nur die Sinnlichkeit braucht um die Sinnlichkeit zu fangen sondern wenn sie Geist und Verstand sogar als Mittel braucht, und der eigentliche Triumph doch nur auf die Sinnlichkeit gerichtet ist. Die Absicht überhaupt und das bewußte Bestreben Männer an sich zu ziehen liegt in der weiblichen Natur und gehört zu ihr (bei Mädchen ist es mehr Wunsch und Instinkt, bei Frauen mehr Wille und Absicht) nicht etwa als ein Fehler sondern ganz nothwendig und wesentlich. Denn nur dadurch entgehen die Frauen der Erniedrigung zu welcher sie Fichte verdammt unthätig zu sein in dem ganzen Prozeß der Liebe vom ersten Anfang an. Es ist aber nicht nur in der Liebe so, sonden auch in der Freundschaft, weil Ihr auch diese, in Eurer dermaligen Lage nicht offen anbieten dürft. So daß dieß mir sehr wol bekannte Phänomen meiner Ansicht von dem Unterschiede der Freundschaft und Liebe gar nicht im Wege steht. Auch nicht dieß, daß die Koketterie der | Freundschaft und der Liebe nicht wesentlich unterschieden sind. Das allgemeine Geschlechtsbewußtsein muß doch immer der Punkt sein von dem man ausgeht, es muß erst arrangirt werden wie es hiemit gehalten werden soll ehe sich eine Verbindung zwischen Mann und Frau bestimmt zur Freundschaft entscheiden kann.
Kommen wir nun auf Dich: so kann ich nur von Dir und mir reden weil ich den Anfang Deines Verhältnisses, mit einem andern, auch gegen L. nicht gesehen habe. Gegen mich habe ich Dich nie auf eine solche Art kokett gesehen, die ich tadeln mögte; ich weiß nicht wo Du je etwas getahn hättest meine Sinnlichkeit zu fangen. Daß ich mich auch ohne Dein Zuthun nie in Dich verliebt habe, dazu haben zwei sehr verschiedene Dinge beigetragen. Erstlich meine Überzeugung daß Du Alexander angehörtest, der mich Dir zuführte, und zweitens das Gefühl unseres unermeßlichen physischen Abstandes von ein ander. Ich würde mir lächerlich vorgekommmen sein wenn ich mich in irgend einer sinnlichen Situation mit Dir gedacht hätte, und eben darum kam es mir auch so abgeschmackt vor wenn die Leute dergleichen von uns vermutheten. – Abgesehen nun von Dir, das heißt von der ernsthaften Seite der Sache bohre ich Dir einen sehr graziösen Esel dafür, daß Du geglaubt hast mir ein Mystère zu verrathen. Nein, meine gute Jette, diese Erwartung läßt sich so wohlfeil nicht erfüllen; da Du sie aber einmal erregt hast, und es gewiß dergleichen giebt, die ich noch nicht weiß: so sehe ich Dich an als in meiner Schuld, und gebe Dir auf immer tiefer zu gehen bis Du auf etwas Geheimes | kommst was mir wirklich noch geheim ist. Dann sollst Du mir auch auferlegen können was Du nur immer willst. [...]
Noch ein Wort von Deiner Sentimentalität. Da hast Du doch zwei ganz verschiedene Dinge vermischt, das Rechtliche Edle ist eins, das Zarte und Feine ein ganz anderes. Es giebt große Gemüther die mehr politisch oder künstlerisch sind als ethisch, und denen die Verhältnisse worin sich das Zarte und Feine gewöhnlich zeigt zu klein sind, weil sie immer weiter sehen; man kann ihnen deßwegen das Schöne doch nicht absprechen, wenn man sich nur auf den Gesichtspunkt stellt auf welchem man sie recht übersehen kann. Zum Theil gehört auch Friedrich zu diesen, wiewohl es nicht immer das Große ist was ihn empfänglich für das Zarte macht. Ich mögte noch weiter gehen und sagen es kann große und schöne Gemüther geben freilich nicht denen es an Gefühl fürs rechtliche fehlt, aber die berufen sind es zu verletzen weil sie an solcher Stelle stehen wo sie die Grenze desselben bestimmen sollen. Du siehst auch diesen kann ich das Gefühl für das Rechtliche nicht erlassen, gar wol aber jenen das Gefühl für das Zarte nemlich nicht überhaupt aber doch fast in allen einzelnen Fällen. Du mußt es Dir besonders zur Pflicht machen nicht aus Vorliebe für das Zarte das Gefühl für das Große zu verlieren. – Ich bin entsetzlich eilig die Post [ist] so unartig gleich abzugehen. – Die Paar Tage will ich benutzen noch ein Paar Gelehrte kennen zu lernen.
Dein
Schl.
Metadata Concerning Header
  • Date: Dienstag, 26. Oktober 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Henriette Herz ·
  • Place of Dispatch: Königsberg · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 184‒186.

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