am 28t Octb. 1802
Wenn ich die Freude, einen Brief von Ihnen, lieber Freund, zu haben, mit einem eignen Briefe erobern soll, so ist die Bedingung wirklich hart! Sie kennen ja das äußre meines Lebens, wissen das KinderLerm, nothwendige Beschäftigung mit und für sie meine Zeit und das äußre Treiben wegnimt. Wenn sich mein Dencken an allem was mir lieb ist dabei auch frei erhält, wenn ich auch täglich mein Andencken mit allem was entfernt mit tausend Verhältnißen des menschlichen Lebens [zusammenhängt] beschäftige, so kömt davon nichts aufs Papier; denn die Menschen sind nicht so genügsam als der liebe Gott, dem jeder gute, frohe Gedancke ein Gebet, und jedes Gefühl des beßren Herzens eine Andachtsübung gilt: Zu allen meinen störenden Umgebungen ist wieder ein Besuch seit 4 Wochen gekommen, und zwar von den Maasern die Sophie und Auguste belebt, und nun meist überstanden haben. Wenn ich nun freilich auf ausdrückliches Verbot von Eichmann des Nachts nie bei meinen kranken Kindern sein darf, so bin ich doch am | Tage ihre alleinige Wärterin welches mich oft so angreift das wenn die 10te Stunde kömt, die einzige Zeit meiner Ruhe und Einsamkeit ich abgespannt, und völlig unfähig bin, zu allem was mir Freude macht. An Ihren Aufenthalt in Königsberg haben wir mit inniger Theilnahme gedacht, und die besten Wünsche gethan. Wie begierig bin ich zu wissen ob Sie aus Stolpe erlöst werden; es wäre wohl dann noch weniger Hoffnung Sie bald hier zu sehn, aber Ihre Existenz in Königsberg wäre doch eine ganz andre als Ihre jetzige, und so grade so kömt man doch nicht wieder zusammen – alles ist nur einmal in der Welt, ein Moment der höchsten Vollkommenheit ist für jedes Schöne, eine Blühte für jede Blume – Ein schöner HerbstAbend in Sacks Garten wo wir Ihre Predigt am Neujahrstage Stellen weise lasen: ich hatte Amelie Sack eine Stelle daraus in ihrem Souvenir geschrieben „Gedancken und Empfindungen etc“ –. Ein schönes Gedicht von Tieck (Conrad hatte neulich ein langes von Thiedge mit (Urania) so oft man ihn fragte „von wen ist das?“ „von Thiedge den man nicht mit Tieck verwechseln muß“ Blicke | der Mädchen und mir –)
Die Einsamkeit, wo mich der erste Vers unaussprechlich angezogen hat
Der ist nicht einsam der noch Schmerzen fühlet,
Verlassen von den Freunden und der Welt,
Die schwere Angst im Busen kühlet,
Und des Verlustes Bild im Herzen hält,
Vergangenheit noch kindlich um ihn spielet
Und Zukunft einen Spiegel vor ihn stellt,
Dem sind die Schmerzen Freunde und die Thränen,
Und er genießt sich selbst in stillen Sehnen.
Warum ich an Sie so ausschließend dabei dachte weiß ich selbst nicht, aber es schien mir ein treuer Abdruck.
Körte hat mir, Heinrich von Afterdingen, verschaft, wir wollten ihn zusammen lesen, aber Sophie hat eine solche innerliche Angst wenn vorgelesen wird, das ihr der Schweiß von der Stirn läuft, dieser Genuß fällt also weg, denn ich mag ihre schöne, stille Seele nicht drücken. Aber wie schön ists in diesem Heinrich, und welche schöne Erinnrung Ihres | Vorlesens war uns die eine Geschichte der Kaufleute: eine Weihe ist dem ganzen Buche eingehaucht, die es wunderbar anziehend macht. Was sagen Sie zu Mayers Heirath mit der Jettlein Cesar? Die Menschen paßen sich, aber nicht die Umgebungen – Mayer wird nun eine Frau von Verstand und Feinheit haben, und, wie ich hoffe, sich in diesen selbst recht fertigen – Es hat mir wohl eine Stunde getrübt, ihn selbst noch nicht gesprochen zu haben – es ist mir nicht gegeben vergangne Verhältniße über neue zu vergeßen
am 18ten November
Ein glücklich zugebrachter Abend mit der Herz, muß denn wohl die Folge haben das ich Ihnen schreibe – leider hatte sie Ihren letzten Brief nicht mitgebracht, in den ein schönes Vertrauen in uns herscht – Aber das geht nicht lieber Freund; außer das ich es sehr übereilt finden würde einem fremden Kinde die Rechte einzuräumen, die ein eignes noch in Anspruch nehmen könnte, so würde ich mich von einem kleinen Kinde noch weniger, | mich trennen können, als von einem ältern. Aus diesem allen sehe ich wie schön Sie sich Ihre Zukunft ausbilden, möchten Sie bald wirklich machen können was so groß und rein in Ihrer Phantasie liegt: aber ich sehe noch so bald kein Ende – und wenn sich nun Grunow nicht trennen will? Sie sind ruhiger als Ihre Freunde! waren es auch hier, da ich mir dencke das Ihr Verhältniß Ihnen alle Freiheit des Gemüths geraubt haben müßte – noch sehe ich Ihre Unbefangenheit in jeder Gesellschaft Ihre Theilnahme an unbedeutenden Dingen mit Staunen an: es muß doch mit einem umfaßendern Kopf, mit einem höhern Grade der Ausbildung, auch ein höherer Grad der Allgemeinheit im Menschen kommen, eine Art Universalitaet, die ein anderer nicht erreicht: man sieht nur einen Punckt, dreht sich allein um diesen, zum offenbaren Anschauen aller Menschen –. Ihre Beweise und Bemerkungen wie man in der Liebe ge|führt wird haben mich unendlich interressirt, ob ich gleich nur ein Bild erkannt habe, so begreife ich doch die andern; wie viel ähnliche Skitzen könnte ich Ihnen aus meinen Erfahrungen liefern, aber es fehlt mir an Klarheit und Zeit – ich ahne bei allen Dingen mehr als ich weiß, daher die Unmöglichkeit mich andern deutlich zu machen: und welch ein Chaos steht mir nun wieder vor; vieleicht hätte ich mich nun in einigen Jahren wieder finden können – das schwindet alles, und ich bin wieder weit zurückgesetzt. Die Dohmen schreibt mir wir müßten uns im künftigen Sommer sehn, ja dieser Traum schwimt auch in Weinen weg!
Willich schien mir, bedeutend, edel und gut, und es ist wohl Chimäre das sich alle Menschen von selbst zusammen finden müßen; er müßte sehn, und wählen – Jette ist es wohl werth das man sich um sie bemüht, und | sie würde, mit Hülfe eines gebildeten Mannes, ein schönes, und nützliches Leben zu führen verstehn: von diesem Wunsch blickt oft in ihren Reden ein schöner Kern durch.
Willich hat recht wenn er wünscht das jezt so wenig Menschen als möglich Ihre Lage wissen, so meine ich es auch, es müßte nachher so natürlich hervorgehn, und das könnte es auch, wenn nur Grunow selbst dazu edel genug wäre! Wird er das sein?
Wie es mich grämt das Sie jetzt, grade jetzt nicht nach Königsberg kommen, das begreifen Sie nicht, weil Sie sorgenloser als Ihre Freunde sind, o wie hätte mich das über Ihr künftiges Schicksal beruhigt!
Ihr Leben bei Wedecke habe ich erfahren, und wünsche Ihnen zu solchen Freuden und Freunden Glück! sagen Sie mir | selbst auch etwas davon, ich will mitleben.
Der Professor war Montag Abend hier es herschte aber so eine schlechte Stimmung in mir, das ich wenig davon genutzt habe, ich muß die Menschen allein sprechen wenn ich etwas davon tragen soll, das allgemeine hilft mir nichts – Karl grüßt Sie inigst, er meint er müßte Ihnen schreiben, aber fertig würde er dann nicht werden.
Körte wird mir mit seiner Exalthation recht interressant, ich seh ihn oft, er ist ganz Ihr eigen, und liebt Sie auf eine Art, die Sie freuen würde, wenn ich sie Ihnen so recht beschreiben könnte. Eichmann ist diesen Augenblick in Potsdam, wo es mit meinen Vater in vergangner Woche sehr schlecht gestanden hat, ob ich hingehe weiß ich nicht, in meiner Lage würde mir dies Bild der Vergänglichkeit zu angreifend sein. Gott weiß es ist nicht I Weichlichkeit für mich selbst, die mich hindert die natürlichste und nächste Pflicht zu erfüllen, aber die Ungewißheit der Dauer meines dortigen Auffenthaltes, das angekettete Wesen hier, meine jetzige Lage – ich weiß nicht was ich tuhn sollte, was ich möchte weiß ich wohl.
Für die Zeilen Ihrer Herrlichen, kalten, ruhigen Schwester danke ich Ihnen herzlich, mich dünkt sie hat mit mir dieselbe Ansicht. O wenn sich erst alles aufgelößt hätte!
Wie viel möchte ich noch schreiben aber ich werde gestört und will nur endlich Ihnen einen Anlaß geben sich unsrer zu erinnern
Luzie E.
Wenn ich die Freude, einen Brief von Ihnen, lieber Freund, zu haben, mit einem eignen Briefe erobern soll, so ist die Bedingung wirklich hart! Sie kennen ja das äußre meines Lebens, wissen das KinderLerm, nothwendige Beschäftigung mit und für sie meine Zeit und das äußre Treiben wegnimt. Wenn sich mein Dencken an allem was mir lieb ist dabei auch frei erhält, wenn ich auch täglich mein Andencken mit allem was entfernt mit tausend Verhältnißen des menschlichen Lebens [zusammenhängt] beschäftige, so kömt davon nichts aufs Papier; denn die Menschen sind nicht so genügsam als der liebe Gott, dem jeder gute, frohe Gedancke ein Gebet, und jedes Gefühl des beßren Herzens eine Andachtsübung gilt: Zu allen meinen störenden Umgebungen ist wieder ein Besuch seit 4 Wochen gekommen, und zwar von den Maasern die Sophie und Auguste belebt, und nun meist überstanden haben. Wenn ich nun freilich auf ausdrückliches Verbot von Eichmann des Nachts nie bei meinen kranken Kindern sein darf, so bin ich doch am | Tage ihre alleinige Wärterin welches mich oft so angreift das wenn die 10te Stunde kömt, die einzige Zeit meiner Ruhe und Einsamkeit ich abgespannt, und völlig unfähig bin, zu allem was mir Freude macht. An Ihren Aufenthalt in Königsberg haben wir mit inniger Theilnahme gedacht, und die besten Wünsche gethan. Wie begierig bin ich zu wissen ob Sie aus Stolpe erlöst werden; es wäre wohl dann noch weniger Hoffnung Sie bald hier zu sehn, aber Ihre Existenz in Königsberg wäre doch eine ganz andre als Ihre jetzige, und so grade so kömt man doch nicht wieder zusammen – alles ist nur einmal in der Welt, ein Moment der höchsten Vollkommenheit ist für jedes Schöne, eine Blühte für jede Blume – Ein schöner HerbstAbend in Sacks Garten wo wir Ihre Predigt am Neujahrstage Stellen weise lasen: ich hatte Amelie Sack eine Stelle daraus in ihrem Souvenir geschrieben „Gedancken und Empfindungen etc“ –. Ein schönes Gedicht von Tieck (Conrad hatte neulich ein langes von Thiedge mit (Urania) so oft man ihn fragte „von wen ist das?“ „von Thiedge den man nicht mit Tieck verwechseln muß“ Blicke | der Mädchen und mir –)
Die Einsamkeit, wo mich der erste Vers unaussprechlich angezogen hat
Der ist nicht einsam der noch Schmerzen fühlet,
Verlassen von den Freunden und der Welt,
Die schwere Angst im Busen kühlet,
Und des Verlustes Bild im Herzen hält,
Vergangenheit noch kindlich um ihn spielet
Und Zukunft einen Spiegel vor ihn stellt,
Dem sind die Schmerzen Freunde und die Thränen,
Und er genießt sich selbst in stillen Sehnen.
Warum ich an Sie so ausschließend dabei dachte weiß ich selbst nicht, aber es schien mir ein treuer Abdruck.
Körte hat mir, Heinrich von Afterdingen, verschaft, wir wollten ihn zusammen lesen, aber Sophie hat eine solche innerliche Angst wenn vorgelesen wird, das ihr der Schweiß von der Stirn läuft, dieser Genuß fällt also weg, denn ich mag ihre schöne, stille Seele nicht drücken. Aber wie schön ists in diesem Heinrich, und welche schöne Erinnrung Ihres | Vorlesens war uns die eine Geschichte der Kaufleute: eine Weihe ist dem ganzen Buche eingehaucht, die es wunderbar anziehend macht. Was sagen Sie zu Mayers Heirath mit der Jettlein Cesar? Die Menschen paßen sich, aber nicht die Umgebungen – Mayer wird nun eine Frau von Verstand und Feinheit haben, und, wie ich hoffe, sich in diesen selbst recht fertigen – Es hat mir wohl eine Stunde getrübt, ihn selbst noch nicht gesprochen zu haben – es ist mir nicht gegeben vergangne Verhältniße über neue zu vergeßen
am 18ten November
Ein glücklich zugebrachter Abend mit der Herz, muß denn wohl die Folge haben das ich Ihnen schreibe – leider hatte sie Ihren letzten Brief nicht mitgebracht, in den ein schönes Vertrauen in uns herscht – Aber das geht nicht lieber Freund; außer das ich es sehr übereilt finden würde einem fremden Kinde die Rechte einzuräumen, die ein eignes noch in Anspruch nehmen könnte, so würde ich mich von einem kleinen Kinde noch weniger, | mich trennen können, als von einem ältern. Aus diesem allen sehe ich wie schön Sie sich Ihre Zukunft ausbilden, möchten Sie bald wirklich machen können was so groß und rein in Ihrer Phantasie liegt: aber ich sehe noch so bald kein Ende – und wenn sich nun Grunow nicht trennen will? Sie sind ruhiger als Ihre Freunde! waren es auch hier, da ich mir dencke das Ihr Verhältniß Ihnen alle Freiheit des Gemüths geraubt haben müßte – noch sehe ich Ihre Unbefangenheit in jeder Gesellschaft Ihre Theilnahme an unbedeutenden Dingen mit Staunen an: es muß doch mit einem umfaßendern Kopf, mit einem höhern Grade der Ausbildung, auch ein höherer Grad der Allgemeinheit im Menschen kommen, eine Art Universalitaet, die ein anderer nicht erreicht: man sieht nur einen Punckt, dreht sich allein um diesen, zum offenbaren Anschauen aller Menschen –. Ihre Beweise und Bemerkungen wie man in der Liebe ge|führt wird haben mich unendlich interressirt, ob ich gleich nur ein Bild erkannt habe, so begreife ich doch die andern; wie viel ähnliche Skitzen könnte ich Ihnen aus meinen Erfahrungen liefern, aber es fehlt mir an Klarheit und Zeit – ich ahne bei allen Dingen mehr als ich weiß, daher die Unmöglichkeit mich andern deutlich zu machen: und welch ein Chaos steht mir nun wieder vor; vieleicht hätte ich mich nun in einigen Jahren wieder finden können – das schwindet alles, und ich bin wieder weit zurückgesetzt. Die Dohmen schreibt mir wir müßten uns im künftigen Sommer sehn, ja dieser Traum schwimt auch in Weinen weg!
Willich schien mir, bedeutend, edel und gut, und es ist wohl Chimäre das sich alle Menschen von selbst zusammen finden müßen; er müßte sehn, und wählen – Jette ist es wohl werth das man sich um sie bemüht, und | sie würde, mit Hülfe eines gebildeten Mannes, ein schönes, und nützliches Leben zu führen verstehn: von diesem Wunsch blickt oft in ihren Reden ein schöner Kern durch.
Willich hat recht wenn er wünscht das jezt so wenig Menschen als möglich Ihre Lage wissen, so meine ich es auch, es müßte nachher so natürlich hervorgehn, und das könnte es auch, wenn nur Grunow selbst dazu edel genug wäre! Wird er das sein?
Wie es mich grämt das Sie jetzt, grade jetzt nicht nach Königsberg kommen, das begreifen Sie nicht, weil Sie sorgenloser als Ihre Freunde sind, o wie hätte mich das über Ihr künftiges Schicksal beruhigt!
Ihr Leben bei Wedecke habe ich erfahren, und wünsche Ihnen zu solchen Freuden und Freunden Glück! sagen Sie mir | selbst auch etwas davon, ich will mitleben.
Der Professor war Montag Abend hier es herschte aber so eine schlechte Stimmung in mir, das ich wenig davon genutzt habe, ich muß die Menschen allein sprechen wenn ich etwas davon tragen soll, das allgemeine hilft mir nichts – Karl grüßt Sie inigst, er meint er müßte Ihnen schreiben, aber fertig würde er dann nicht werden.
Körte wird mir mit seiner Exalthation recht interressant, ich seh ihn oft, er ist ganz Ihr eigen, und liebt Sie auf eine Art, die Sie freuen würde, wenn ich sie Ihnen so recht beschreiben könnte. Eichmann ist diesen Augenblick in Potsdam, wo es mit meinen Vater in vergangner Woche sehr schlecht gestanden hat, ob ich hingehe weiß ich nicht, in meiner Lage würde mir dies Bild der Vergänglichkeit zu angreifend sein. Gott weiß es ist nicht I Weichlichkeit für mich selbst, die mich hindert die natürlichste und nächste Pflicht zu erfüllen, aber die Ungewißheit der Dauer meines dortigen Auffenthaltes, das angekettete Wesen hier, meine jetzige Lage – ich weiß nicht was ich tuhn sollte, was ich möchte weiß ich wohl.
Für die Zeilen Ihrer Herrlichen, kalten, ruhigen Schwester danke ich Ihnen herzlich, mich dünkt sie hat mit mir dieselbe Ansicht. O wenn sich erst alles aufgelößt hätte!
Wie viel möchte ich noch schreiben aber ich werde gestört und will nur endlich Ihnen einen Anlaß geben sich unsrer zu erinnern
Luzie E.