Berlin d. 8t. Nov. 1802.
Ich gratulire Ihnen zu der glücklich vollendeten Reise, und hoffe, daß Ihre zwei in Königsberg gehaltenen Predigten nicht ohne guten Erfolg bleiben. Ich höre, daß die beiden noch lebenden Prediger allem Anscheine nach ihrem Ende nahe sind. Und so läßt sich hoffen, daß wenn auch die jetzt erledigte Stelle einem gewißen Abeg, wie ein zweites Gerücht sagt, da ein früheres sie Ihnen schon zutheilte, übertragen werden sollte, eine von den bald erledigt werdenden, Ihnen nicht entstehen wird. Henriette Sack meinte gestern, da wegen des hohen Alters des verstorbenen Predigers wohl keine Wittwe vorauszusetzen wäre, so würden Sie die Stelle, wenn Sie sie erhalten sollten, wohl bald antreten müßen, und äußerte den Gedanken, wie wenn Sie, wie hier, so auch in Stolpe Herr Schleiermachers Nachfolger würden. Ja, sagte ich, wenn das ginge. Das wollten Sie so gerne, Sie dächten dann auch wohl auf derselben Bahn wieder weiter nach Königsberg zu kommen. Nein, auch ohne diese Aussicht, bloß mit Stolpe würde ich zufrieden seyn, aber ich habe daran noch nicht gedacht, und denke auch nicht daran. Herr Sack war gestern besonders heiter; er hat vor 4 Wochen hier gepredigt, und sagte gestern, er wolle nächsten Sonntag wieder predigen. Schade, daß ich ihn nicht hören konnte, wie ich ihn auch noch nie gehört habe. Ich predigte gerade vor 4 Wochen in der Dreifaltigkeitskirche, | wozu Herr Thiele mich unmittelbar, nachdem er von Ihnen zu seiner großen Freude einen Brief erhalten, auf der Ressource – zu deren Mitglied ich aufgenommen bin, – einlud. Ich predigte über „darum bete ich, daß eure Liebe je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntniß und Erfahrung“, woraus ich den Satz herleitete: Wie der Gottselige durch die Empfindungen und Gefühle, die er in sich wahrnimmt – a. der Erhabenheit über die Gewalt der sinnlichen Triebe, b. über die ganze sinnliche Natur in dem Sinne, daß er frei ist von eitelen Hoffnungen und Besorgnißen, c. der Gemeinschaft mit Gott und Jesu Christo durch die Uebereinstimmung der Gesinnung begründet, d. des auffallenden Widerspruchs jedes bösen mit seiner geheiligten Gesinnung – zu stätem Wachsthum in der Gottseligkeit belebt wird. Die Ausführung dieser Wahrheit genügte mir, der Vortrag derselben weniger, mehr im Invalidenhause, im hohen Maaße aber in der Charitekirche. In dieser letztern ist überhaupt das locale und personale so ganz nach meinem Sinne, daß ich fast nie anders noch als mit dem innigsten Vergnügen in derselben gepredigt habe. Herr Thiele hörte mich nicht, sagte mir aber denselben Abend auf der Ressource, ich hätte, wie er von gebildeten gehört, mit vielem Beifall gepredigt. Mir war es auffallend, weil ich selbst nicht zufrieden war, aber erklärbar, weil Herr Thiele wenigstens mit dem Lobe nicht karg seyn soll.
Meinen letzten Brief sind Sie nur zum Theil so gütig gewesen zu beantworten, aber doch hat er mir großes Vergnügen gemacht. Um Ihre durch meine Aeußerung über Herrn Muzels Ansicht | Ihrer Reden vielleicht etwas wankend gemachte Achtung gegen das Urtheil dieses würdigen und fein denkenden Mannes, möglichst wieder fest zu stellen, halte ich es für nöthig, Ihnen zu sagen, daß er das Urtheil denselben Nachmittag fällte, als er Vormittags Ihre Reden gelesen hatte. Da konnte es also leicht geschehen, daß er eine Idee falsch aufgriff, und sie, um sich einen Eingang zum Verständniß Ihrer Gedanken zu bahnen, feststellte. Ich muß mich unrichtig ausgedrückt haben, da Sie meinen, das Gefühl der Achtung wäre meinem Gemüthe fremd. Das ist es keinesweges, und wie könnte es, da Liebe ja ohne Achtung ein Unding ist. Wie schön sagen Sie, was ginge noch über diese edele Liebe? Alles was ihr zuwider ist, ist mir zuwider. Dieß scheint mir aber die Ehrfurcht – sie entfernt mich, und hält mich zurück, und ist darum mit der Liebe unvereinbar, und zerstört wenigstens deren Innigkeit; wer die Würde der Menschheit überhaupt mit innigem Gefühle verehrt, der findet, deucht mir, in der Größe eines Individuums nichts auffallendes, das seine Bewunderung erregte, und diese Bewunderung soll es doch eben seyn, wenn man jemanden Ehrfurcht anmuthet. So müßte ich denn vorher niedrig von der Würde des Menschen überhaupt denken, wenn ich sie in einem Individuo mit Ehrfurcht betrachten sollte. Nicht diese, sondern Liebe, und mit derselben innigst verbunden, Hochachtung, Verehrung ist mein Gefühl gegen die edelsten Menschen, die ich kenne.
In Sacks Hause sehe ich fast immer Karl Spalding und erfreue mich so sehr an seiner Gesellschaft. Er ist kürzlich nach der Reise nach Rheinsberg in Sachen des Prinz Ferdinandischen Inventarii nicht wohl gewesen | doch ist er jetzt vollkommen wieder hergestellt. Er erzählte vor einiger Zeit, da er noch nicht ganz wieder genesen war, von seinem Uebel, er stand vor mir, sein Blick kontrastirte etwas sehr mit seiner wehmüthigen Erzählung, ich mußte laut anfangen zu lachen. Der lacht darüber, fing er gegen die Frau Hofpredigerin an
Vor einiger Zeit ist mir ein Compliment an Sie aufgetragen, deßen ich noch immer Bedenken getragen habe, mich zu entledigen, weil ich aus verschiedenen Rüksichten den Umgang mit dem Manne geheim zu halten für gut fand. Es ist Fichte; noch weiß keiner etwas davon, daß ich den Mann bisweilen besuche, außer Herr Prof. Muzel, dem ich nicht leicht etwas geheim halte. Ich hatte seine Bestimmung des Menschen gelesen, und das letzte Stück vom Glauben hatte so erhebende Gedanken in mir erregt, daß ein heftiger Wunsch seit der Zeit in mir lebte, in’s Heiligthum dieser Philosophie einzudringen. Aber ich besorgte, mein Geist möchte ihr unterliegen. Doch dachte ich, du sollst dich doch einmahl bei Fichte erkundigen, ob er wie vorigen Winter wieder ein Collegium lesen wird. Es freut mich, ihn besucht zu haben. Der Mann gefiehl mir außerordentlich. Sie kennen ihn gewiß persönlich. Ein gerader offener Character, gegen den daher auch ich gleich frei und offen war. Ich will suchen, ob es mir nicht gelingen sollte, sein System zu faßen. Ich trug darum noch immer Bedenken, Ihnen das Compliment von Herrn Fichte zu melden, weil ich besorgte, in dem Briefe, den Sie etwa offen bei dem an Madame Grunow einschlößen, könnten Sie deßen wieder erwähnen, und so könnte mein Umgang mit Herrn Fichte bekannt werden, den ich darum geheim zu halten wünsche, weil es möchte übel ausgelegt werden. Ich zweifele selbst noch daran, ob ich vermögend seyn werde, mein Vorhaben durchzusetzen, und wie übel wird es nicht gedeutet, wenn man etwas unternimmt, das man nicht ausführen kann. Darum bitte ich Sie, laßen Sie dieses ein Geheimniß seyn, von dem keiner etwas erfährt, nächstens ein mehreres auch über den letzten Punct. Erhalten Sie mich in Ihrer Liebe.
Metger.
Ich gratulire Ihnen zu der glücklich vollendeten Reise, und hoffe, daß Ihre zwei in Königsberg gehaltenen Predigten nicht ohne guten Erfolg bleiben. Ich höre, daß die beiden noch lebenden Prediger allem Anscheine nach ihrem Ende nahe sind. Und so läßt sich hoffen, daß wenn auch die jetzt erledigte Stelle einem gewißen Abeg, wie ein zweites Gerücht sagt, da ein früheres sie Ihnen schon zutheilte, übertragen werden sollte, eine von den bald erledigt werdenden, Ihnen nicht entstehen wird. Henriette Sack meinte gestern, da wegen des hohen Alters des verstorbenen Predigers wohl keine Wittwe vorauszusetzen wäre, so würden Sie die Stelle, wenn Sie sie erhalten sollten, wohl bald antreten müßen, und äußerte den Gedanken, wie wenn Sie, wie hier, so auch in Stolpe Herr Schleiermachers Nachfolger würden. Ja, sagte ich, wenn das ginge. Das wollten Sie so gerne, Sie dächten dann auch wohl auf derselben Bahn wieder weiter nach Königsberg zu kommen. Nein, auch ohne diese Aussicht, bloß mit Stolpe würde ich zufrieden seyn, aber ich habe daran noch nicht gedacht, und denke auch nicht daran. Herr Sack war gestern besonders heiter; er hat vor 4 Wochen hier gepredigt, und sagte gestern, er wolle nächsten Sonntag wieder predigen. Schade, daß ich ihn nicht hören konnte, wie ich ihn auch noch nie gehört habe. Ich predigte gerade vor 4 Wochen in der Dreifaltigkeitskirche, | wozu Herr Thiele mich unmittelbar, nachdem er von Ihnen zu seiner großen Freude einen Brief erhalten, auf der Ressource – zu deren Mitglied ich aufgenommen bin, – einlud. Ich predigte über „darum bete ich, daß eure Liebe je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntniß und Erfahrung“, woraus ich den Satz herleitete: Wie der Gottselige durch die Empfindungen und Gefühle, die er in sich wahrnimmt – a. der Erhabenheit über die Gewalt der sinnlichen Triebe, b. über die ganze sinnliche Natur in dem Sinne, daß er frei ist von eitelen Hoffnungen und Besorgnißen, c. der Gemeinschaft mit Gott und Jesu Christo durch die Uebereinstimmung der Gesinnung begründet, d. des auffallenden Widerspruchs jedes bösen mit seiner geheiligten Gesinnung – zu stätem Wachsthum in der Gottseligkeit belebt wird. Die Ausführung dieser Wahrheit genügte mir, der Vortrag derselben weniger, mehr im Invalidenhause, im hohen Maaße aber in der Charitekirche. In dieser letztern ist überhaupt das locale und personale so ganz nach meinem Sinne, daß ich fast nie anders noch als mit dem innigsten Vergnügen in derselben gepredigt habe. Herr Thiele hörte mich nicht, sagte mir aber denselben Abend auf der Ressource, ich hätte, wie er von gebildeten gehört, mit vielem Beifall gepredigt. Mir war es auffallend, weil ich selbst nicht zufrieden war, aber erklärbar, weil Herr Thiele wenigstens mit dem Lobe nicht karg seyn soll.
Meinen letzten Brief sind Sie nur zum Theil so gütig gewesen zu beantworten, aber doch hat er mir großes Vergnügen gemacht. Um Ihre durch meine Aeußerung über Herrn Muzels Ansicht | Ihrer Reden vielleicht etwas wankend gemachte Achtung gegen das Urtheil dieses würdigen und fein denkenden Mannes, möglichst wieder fest zu stellen, halte ich es für nöthig, Ihnen zu sagen, daß er das Urtheil denselben Nachmittag fällte, als er Vormittags Ihre Reden gelesen hatte. Da konnte es also leicht geschehen, daß er eine Idee falsch aufgriff, und sie, um sich einen Eingang zum Verständniß Ihrer Gedanken zu bahnen, feststellte. Ich muß mich unrichtig ausgedrückt haben, da Sie meinen, das Gefühl der Achtung wäre meinem Gemüthe fremd. Das ist es keinesweges, und wie könnte es, da Liebe ja ohne Achtung ein Unding ist. Wie schön sagen Sie, was ginge noch über diese edele Liebe? Alles was ihr zuwider ist, ist mir zuwider. Dieß scheint mir aber die Ehrfurcht – sie entfernt mich, und hält mich zurück, und ist darum mit der Liebe unvereinbar, und zerstört wenigstens deren Innigkeit; wer die Würde der Menschheit überhaupt mit innigem Gefühle verehrt, der findet, deucht mir, in der Größe eines Individuums nichts auffallendes, das seine Bewunderung erregte, und diese Bewunderung soll es doch eben seyn, wenn man jemanden Ehrfurcht anmuthet. So müßte ich denn vorher niedrig von der Würde des Menschen überhaupt denken, wenn ich sie in einem Individuo mit Ehrfurcht betrachten sollte. Nicht diese, sondern Liebe, und mit derselben innigst verbunden, Hochachtung, Verehrung ist mein Gefühl gegen die edelsten Menschen, die ich kenne.
In Sacks Hause sehe ich fast immer Karl Spalding und erfreue mich so sehr an seiner Gesellschaft. Er ist kürzlich nach der Reise nach Rheinsberg in Sachen des Prinz Ferdinandischen Inventarii nicht wohl gewesen | doch ist er jetzt vollkommen wieder hergestellt. Er erzählte vor einiger Zeit, da er noch nicht ganz wieder genesen war, von seinem Uebel, er stand vor mir, sein Blick kontrastirte etwas sehr mit seiner wehmüthigen Erzählung, ich mußte laut anfangen zu lachen. Der lacht darüber, fing er gegen die Frau Hofpredigerin an
Vor einiger Zeit ist mir ein Compliment an Sie aufgetragen, deßen ich noch immer Bedenken getragen habe, mich zu entledigen, weil ich aus verschiedenen Rüksichten den Umgang mit dem Manne geheim zu halten für gut fand. Es ist Fichte; noch weiß keiner etwas davon, daß ich den Mann bisweilen besuche, außer Herr Prof. Muzel, dem ich nicht leicht etwas geheim halte. Ich hatte seine Bestimmung des Menschen gelesen, und das letzte Stück vom Glauben hatte so erhebende Gedanken in mir erregt, daß ein heftiger Wunsch seit der Zeit in mir lebte, in’s Heiligthum dieser Philosophie einzudringen. Aber ich besorgte, mein Geist möchte ihr unterliegen. Doch dachte ich, du sollst dich doch einmahl bei Fichte erkundigen, ob er wie vorigen Winter wieder ein Collegium lesen wird. Es freut mich, ihn besucht zu haben. Der Mann gefiehl mir außerordentlich. Sie kennen ihn gewiß persönlich. Ein gerader offener Character, gegen den daher auch ich gleich frei und offen war. Ich will suchen, ob es mir nicht gelingen sollte, sein System zu faßen. Ich trug darum noch immer Bedenken, Ihnen das Compliment von Herrn Fichte zu melden, weil ich besorgte, in dem Briefe, den Sie etwa offen bei dem an Madame Grunow einschlößen, könnten Sie deßen wieder erwähnen, und so könnte mein Umgang mit Herrn Fichte bekannt werden, den ich darum geheim zu halten wünsche, weil es möchte übel ausgelegt werden. Ich zweifele selbst noch daran, ob ich vermögend seyn werde, mein Vorhaben durchzusetzen, und wie übel wird es nicht gedeutet, wenn man etwas unternimmt, das man nicht ausführen kann. Darum bitte ich Sie, laßen Sie dieses ein Geheimniß seyn, von dem keiner etwas erfährt, nächstens ein mehreres auch über den letzten Punct. Erhalten Sie mich in Ihrer Liebe.
Metger.