Berlin 12. 9br. 2.
Heute ist Freitag, heute soll an Sie geschrieben werden; wie, das mögen Sie nachher richten. Immer wolte ich erst lesen, eh’ ich schriebe, aber ich mag nicht länger, da das Eine nicht geht, das Andere aufschieben. Erst am vorigen Sonnabend ist mein leztes ManuScript nach Leipzig gegangen, und also hätte ich, nach der Strenge, erst am vorigen Montag vor Ihnen erscheinen können. Damals mußte ich dem guten Gedike nach Bauzen schreiben (glauben Sie nur nicht, daß gut hier gebraucht ist, wie in dem Ausdruk, das gute Prinzip); so wäre ich denn, fast wider meine Vermuthung, so unschuldig, wie ein Kind, in Ansehung unserer Korrespondenz. Seit vierzehn Tagen drängt es mich, mit Ihnen zu reden, weil ich, ungefähr seit dieser Zeit, weiß, daß Sie nach Königsberg gehen. Die erste Nachricht davon gab mir Ihr Freund, Zöllner. Nachher wolten Zweifel entstehen, da zerstreute dieselben der hiesige Gedike, deßen Schwager Thym, wenn ich nicht irre, die Vokazion ausgefertigt hat, oder die Bestätigung. So scheint die Sache kritisch erwiesen. Mich freut sie sehr, ohne Zweifel auch wegen der Profezeiung am lezten Abend bei Eichmanns, deren ich bitte, sich zu erinnern. Nicht habe ich profezeit, wenn ich nicht sehr irre, daß Sie, in weniger als zwei Jahren, wieder bei uns in Berlin sein würden, aber daß Sie vor der Zeit | weg wären von Stolpe. Andere Profezeiungen sind mit jener in meinem Kopfe verbunden, aber ich glaube diese nicht gegen Sie geäußert zu haben. Sie sind nicht sanguinisch, denn Sie versprechen mir den Genuß Ihres Umganges nur auf eine Zeit, die ich noch weitläuftig erst erleben muß. Indeßen, daß die Voranstalten so pünktlich geschehen, freut mich. Mehr indeßen, daß für Sie selbst es nicht bloße Voranstalten sind, sondern schon wirklicher Genuß. Allerdings werden Sie in Königsberg sehr angenehm leben. Vielleicht wird der schöne Entschluß, alle zwei Jahre Berlin zu besuchen, wanken, in der weiteren Entfernung. Aber, um einmal recht ernsthaft zu denken und zu reden: Sie werden an einem so wichtigen Orte, unter einem großen und gebildeten Publikum, viel Gutes stiften, viel Religiosität erwekken. Jemand sagte mir einst zum Lobe meines Vaters, durch ihn sei in Berlin das Kristenthum ordentlich eingerißen (ist das etwa eine unerwartete Übersezung des βιáζεται ἡ βασιλεíα τῶν οὐρανῶν?). Das ist es, worauf ich rechne, durch Sie; erst dort, dann hier. Merkwürdig ist es, daß Ihre Predigten bei Vielen Intereße erregt haben, und Beifall gewonnen, die sonst von Predigten nichts wißen wollen. Ich leugne nicht meine Vermuthung, daß dieses etwas durch die vorhergegangenen Reden bewirkt worden. Dis scheinen mir etwa die Wunder gewesen zu sein, welche Ihrer Lehre Glauben bereiteten. Von mir selbst gestehe ich: ich glaube, wie Roußeau, malgré les miracles; | aber darum ist mir der Erfolg nicht weniger lieb. Fast ganz unterschreibe ich folgende Stelle eines vorgestern erhaltenen Briefes:
„Dem Plato von Schleiermacher sehe ich verlangend entgegen. Dieser edle Mann soll ja seine ganze Kraft auf dis Werk verwenden. Wenn er ein eben so gründlicher Philologe ist, als geistvoller Kopf, so läßt sich allerdings viel erwarten. Ich habe seine Predigten gelesen, wahrlich! ein Meisterwerk! Seinen Reden über die Religion wünsche ich nur mehr Popularität, und weniger Schmuk. Gewiß der Gegenstand könnte es erlauben. Falk , der ihn so hämisch behandelt hat – mein Gott! wie hat er ihn misverstanden. Wenn ihm der Schleiermacherische Gott unverständlich ist, so hat er entweder gar keinen, oder einen recht erbärmlichen. Seit ich von Falk dis las, ist er bei mir gesunken. Wer einem so schönen Geiste Zügel anlegen will, muß gar wenig haben – und es ist abscheulich, alles nach demselben Zuschnitt formen zu wollen.“
Ich habe einfach unterstrichen, was ich nicht unterschreibe, und doppelt, was ich als ein divinitus dictum ansehe. Und wer ist es nun, der so urtheilt? Leider nur ein Knabe; aber ein verständiger: und er führt einen hübschen Namen. Es ist nämlich Heinrich Voß, der älteste Sohn des „Eutinischen Löwen“. Der Vater hat sich mit seiner Familie für den Rest seiner Jahre in Jena niedergelaßen. Er ist innig zufrieden, mit seinem Hauswirth Griesbach und deßen Frau, mit der Nähe Göthens und Schillers, mit der Lage Jena’s, mit der Ungezwungenheit des dortigen Lebens. |
Über die Stelle Ihres lezten Briefes (den ich, leider, umsonst suche), betreffend Ihren Freund Zöllner (umsonst hat er Sie in Stolpe gesucht), muß ich doch sagen, daß ich sie zu strenge finde, wenn gleich geschrieben, wie Sie schön sagen, von der bescheidensten Seele, die Sie lieben. Daß hier viel Talent, und viel Gutmüthigkeit, stekt unter und über einem Wuste des Tadelhaften, glaube ich zu gewiß zu erkennen. – Des Tiek Moralität kann ich gar nicht burtheilen, und bin geneigt, nach einigen Äußerungen Bewährter, günstiger darüber zu denken, als sonst. Aber, daß mir seine Poësie so durchaus ungenießbar ist, mir, dem August Wilhelm Schlegel’s, den ich haße, oft Genuß verschaff hat, – dieser Kontrast, ist mir ein unangenehmes Fänomen, weil ich traurig ahne, daß der Fehler an mir liegen könne. Was ist Poësie? Mit manchem schweren Seufzer spreche ich oft diese Frage aus, in mir selbst. Ich glaube, aufrichtiges Wohlgefallen an Poësie gehabt zu haben, und zuweilen noch zu haben, ich glaube manchen Vers gemacht zu haben, der dem Unbefangenen gefallen müßte – und vielleicht habe ich mich in dem fremden und eignen Gegenstande des Wohlgefallens beständig getäuscht. Das wäre in der That über den Spaß.
Wenn Sie glauben, mich nimmer ohne mich gefunden zu haben, so erregt das nur den trüben Verdacht bei mir, daß man freilich einen Sedez-Band beständig in der Tasche haben kann. Was sagen Sie zu der Heirath unserer Zesar? Ich billige sie, so weit ich sie beurtheilen kann. Noch sah ich sie nicht als Braut. Man beschreibt sie mir als sehr heiter.
Leben Sie wohl, mein Bester, und anworten Sie sobald Sie können. Von Heindorf grüße ich Sie, und soll (mehr als kann) Ihnen sagen, daß es langsam, aber recht gut gehe. Ich für mein Theil zweifle an seiner Herstellung, wenigstens zum Lehramte. Beständig komt das Fieber wieder. Wie soll man ihm helfen, wenn man ihm sein Leben sichern könnte, ohne Lehren?
Wie vieles hätte ich noch zu schreiben; aber beßer, ich sende den Brief nur ab. Man sagt: oft eßen und wenig sei beßer, als selten und viel. So sei es mit meinen Briefen. Tausend herzliche Grüße von meiner Frau und meinem Bruder. Auch Müllers grüßen. Ihr treuer
G L Spalding.
Heute ist Freitag, heute soll an Sie geschrieben werden; wie, das mögen Sie nachher richten. Immer wolte ich erst lesen, eh’ ich schriebe, aber ich mag nicht länger, da das Eine nicht geht, das Andere aufschieben. Erst am vorigen Sonnabend ist mein leztes ManuScript nach Leipzig gegangen, und also hätte ich, nach der Strenge, erst am vorigen Montag vor Ihnen erscheinen können. Damals mußte ich dem guten Gedike nach Bauzen schreiben (glauben Sie nur nicht, daß gut hier gebraucht ist, wie in dem Ausdruk, das gute Prinzip); so wäre ich denn, fast wider meine Vermuthung, so unschuldig, wie ein Kind, in Ansehung unserer Korrespondenz. Seit vierzehn Tagen drängt es mich, mit Ihnen zu reden, weil ich, ungefähr seit dieser Zeit, weiß, daß Sie nach Königsberg gehen. Die erste Nachricht davon gab mir Ihr Freund, Zöllner. Nachher wolten Zweifel entstehen, da zerstreute dieselben der hiesige Gedike, deßen Schwager Thym, wenn ich nicht irre, die Vokazion ausgefertigt hat, oder die Bestätigung. So scheint die Sache kritisch erwiesen. Mich freut sie sehr, ohne Zweifel auch wegen der Profezeiung am lezten Abend bei Eichmanns, deren ich bitte, sich zu erinnern. Nicht habe ich profezeit, wenn ich nicht sehr irre, daß Sie, in weniger als zwei Jahren, wieder bei uns in Berlin sein würden, aber daß Sie vor der Zeit | weg wären von Stolpe. Andere Profezeiungen sind mit jener in meinem Kopfe verbunden, aber ich glaube diese nicht gegen Sie geäußert zu haben. Sie sind nicht sanguinisch, denn Sie versprechen mir den Genuß Ihres Umganges nur auf eine Zeit, die ich noch weitläuftig erst erleben muß. Indeßen, daß die Voranstalten so pünktlich geschehen, freut mich. Mehr indeßen, daß für Sie selbst es nicht bloße Voranstalten sind, sondern schon wirklicher Genuß. Allerdings werden Sie in Königsberg sehr angenehm leben. Vielleicht wird der schöne Entschluß, alle zwei Jahre Berlin zu besuchen, wanken, in der weiteren Entfernung. Aber, um einmal recht ernsthaft zu denken und zu reden: Sie werden an einem so wichtigen Orte, unter einem großen und gebildeten Publikum, viel Gutes stiften, viel Religiosität erwekken. Jemand sagte mir einst zum Lobe meines Vaters, durch ihn sei in Berlin das Kristenthum ordentlich eingerißen (ist das etwa eine unerwartete Übersezung des βιáζεται ἡ βασιλεíα τῶν οὐρανῶν?). Das ist es, worauf ich rechne, durch Sie; erst dort, dann hier. Merkwürdig ist es, daß Ihre Predigten bei Vielen Intereße erregt haben, und Beifall gewonnen, die sonst von Predigten nichts wißen wollen. Ich leugne nicht meine Vermuthung, daß dieses etwas durch die vorhergegangenen Reden bewirkt worden. Dis scheinen mir etwa die Wunder gewesen zu sein, welche Ihrer Lehre Glauben bereiteten. Von mir selbst gestehe ich: ich glaube, wie Roußeau, malgré les miracles; | aber darum ist mir der Erfolg nicht weniger lieb. Fast ganz unterschreibe ich folgende Stelle eines vorgestern erhaltenen Briefes:
„Dem Plato von Schleiermacher sehe ich verlangend entgegen. Dieser edle Mann soll ja seine ganze Kraft auf dis Werk verwenden. Wenn er ein eben so gründlicher Philologe ist, als geistvoller Kopf, so läßt sich allerdings viel erwarten. Ich habe seine Predigten gelesen, wahrlich! ein Meisterwerk! Seinen Reden über die Religion wünsche ich nur mehr Popularität, und weniger Schmuk. Gewiß der Gegenstand könnte es erlauben. Falk , der ihn so hämisch behandelt hat – mein Gott! wie hat er ihn misverstanden. Wenn ihm der Schleiermacherische Gott unverständlich ist, so hat er entweder gar keinen, oder einen recht erbärmlichen. Seit ich von Falk dis las, ist er bei mir gesunken. Wer einem so schönen Geiste Zügel anlegen will, muß gar wenig haben – und es ist abscheulich, alles nach demselben Zuschnitt formen zu wollen.“
Ich habe einfach unterstrichen, was ich nicht unterschreibe, und doppelt, was ich als ein divinitus dictum ansehe. Und wer ist es nun, der so urtheilt? Leider nur ein Knabe; aber ein verständiger: und er führt einen hübschen Namen. Es ist nämlich Heinrich Voß, der älteste Sohn des „Eutinischen Löwen“. Der Vater hat sich mit seiner Familie für den Rest seiner Jahre in Jena niedergelaßen. Er ist innig zufrieden, mit seinem Hauswirth Griesbach und deßen Frau, mit der Nähe Göthens und Schillers, mit der Lage Jena’s, mit der Ungezwungenheit des dortigen Lebens. |
Über die Stelle Ihres lezten Briefes (den ich, leider, umsonst suche), betreffend Ihren Freund Zöllner (umsonst hat er Sie in Stolpe gesucht), muß ich doch sagen, daß ich sie zu strenge finde, wenn gleich geschrieben, wie Sie schön sagen, von der bescheidensten Seele, die Sie lieben. Daß hier viel Talent, und viel Gutmüthigkeit, stekt unter und über einem Wuste des Tadelhaften, glaube ich zu gewiß zu erkennen. – Des Tiek Moralität kann ich gar nicht burtheilen, und bin geneigt, nach einigen Äußerungen Bewährter, günstiger darüber zu denken, als sonst. Aber, daß mir seine Poësie so durchaus ungenießbar ist, mir, dem August Wilhelm Schlegel’s, den ich haße, oft Genuß verschaff hat, – dieser Kontrast, ist mir ein unangenehmes Fänomen, weil ich traurig ahne, daß der Fehler an mir liegen könne. Was ist Poësie? Mit manchem schweren Seufzer spreche ich oft diese Frage aus, in mir selbst. Ich glaube, aufrichtiges Wohlgefallen an Poësie gehabt zu haben, und zuweilen noch zu haben, ich glaube manchen Vers gemacht zu haben, der dem Unbefangenen gefallen müßte – und vielleicht habe ich mich in dem fremden und eignen Gegenstande des Wohlgefallens beständig getäuscht. Das wäre in der That über den Spaß.
Wenn Sie glauben, mich nimmer ohne mich gefunden zu haben, so erregt das nur den trüben Verdacht bei mir, daß man freilich einen Sedez-Band beständig in der Tasche haben kann. Was sagen Sie zu der Heirath unserer Zesar? Ich billige sie, so weit ich sie beurtheilen kann. Noch sah ich sie nicht als Braut. Man beschreibt sie mir als sehr heiter.
Leben Sie wohl, mein Bester, und anworten Sie sobald Sie können. Von Heindorf grüße ich Sie, und soll (mehr als kann) Ihnen sagen, daß es langsam, aber recht gut gehe. Ich für mein Theil zweifle an seiner Herstellung, wenigstens zum Lehramte. Beständig komt das Fieber wieder. Wie soll man ihm helfen, wenn man ihm sein Leben sichern könnte, ohne Lehren?
Wie vieles hätte ich noch zu schreiben; aber beßer, ich sende den Brief nur ab. Man sagt: oft eßen und wenig sei beßer, als selten und viel. So sei es mit meinen Briefen. Tausend herzliche Grüße von meiner Frau und meinem Bruder. Auch Müllers grüßen. Ihr treuer
G L Spalding.