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Friedrich Schleiermacher to Georg Andreas Reimer TEI-Logo

Stolpe d. 29t. Decemb. 2
Lächle nicht, lieber Freund, und zürne auch nicht über die kleine Sendung die Du hiebei erhältst. Gegen das lezte gebe ich Dir zu bedenken, wie wenig ich seitdem ich mit dem eigentlichen Schreiben anfangen konnte und wollte mein eigner Herr gewesen bin, bis Mitte November verreist und dann noch eine Zeitlang mit einem schreklichen Katarrh geplagt bei dem auch meine Augen nicht wenig litten. Gegen das erste aber welches Dir vielleicht näher ist stelle ich Dir meine Natur vor für welche in allen Dingen der Anfang immer bei weitem das allerschwerste ist. Wenn ich gesund bleibe denke ich Dir noch im Januar das erste Buch zu schiken, Anfangs Merz das zweite wahrscheinlich größte und zu Ostern das dritte. Dann kannst Du, wenn Du nur mit dem Druk nicht zurükgeblieben bist, noch alles gewiß und bequem zur Messe bringen. Wenn Dir viel daran liegt kann ich Dir auch die einzelnen Abschnitte, deren jedes Buch 2–3 haben wird das Manuscript schiken; sehr angenehm aber wäre mir dies nicht. Von dem Umfang des Ganzen kann ich Dir nur muthmaßlich sagen daß etwa jedes Buch das Dreifache von diesen beiden Einleitungen sein wird. Gern möchte ich Dir auch versprechen größer und deutlicher zu schreiben – ich verzweifle aber an dem Gelingen die schlechte Gewohnheit ist gar zu alt und eingewurzelt.
Hoffentlich wird Dich die Herz gebeten haben mir die bei Unger herausgekommne „Darstellung eines neuen Gravitationsgesezes für die moralische Welt“ zu schiken, und ich hoffe sie ist unterwegens. Seitdem habe ich zu meinem Schreken im Meßkata|logus gesehn daß ein gewißer Herr Gessner von dem ich gar nichts weiß eine Kritik der Moral geschrieben hat; ich wollte Du hättest sie mir beigelegt, wenn anders irgend etwas daran ist
Meine Freunde in Preußen wollten mich gern nach Königsberg bringen, wo eine Hofpredigerstelle ledig war; ich wollte aber nicht hinreisen, weil ich wußte, daß sie schon dem Bruder eines dortigen Kaufmanns zugesichert war. Endlich ließ ich mich durch ein auch von ihnen geglaubtes falsches Gerücht verführen als ob dieser sie ausgeschlagen. Er ist nun doch gewählt worden und ich bin vor der Hand wieder fest hier. Dies ist die äußerliche Geschichte meiner Reise. Sehr werth ist sie mir aber gewesen durch das Wiedersehen alter Freunde und durch einige neue Bekantschaften mit Freunden von diesen; so daß nun unter meinen nächsten lieben Du und Willich die einzigen sind deren vertrautesten Kreis ich nicht auch kenne. Mich wundert ob mir nicht auch das noch beschieden ist mich dem schönen Kreise von Menschen in Deinem Vaterlande und auf Rügen zu nähern der mir durch Euch Beide so werth ist. Am glüklichsten war ich in Preußen auf dem Lande in dem Hause meines Wedeke von dem ich Dir wohl auch schon allerlei gesagt oder geschrieben. Was für Menschen sind das Beides, was für eine Ehe, und was für ein häusliches Leben!
In Absicht auf Schildener kann es sein, daß ich frühere Erzählungen von Willich Dir beigelegt. Mir ist nun als wäre es dieser gewesen der mir erzählt von einer Geschichte desselben mit einem Mädchen woraus mir nach meiner Ansicht von solchen Dingen ein wankelmüthiges Wesen hervorleuchtete, welches gar leicht das rechte verfehlt und es doch getroffen zu haben meint. Daß er verlobt ist mit Muhrbecks Schwester wirst Du wissen; möge nun wie | Du hoffst die Liebe alles an ihm vollenden. Von Bagge habe ich mir nach und nach ein ziemlich lebhaftes Bild zusammengesezt. Von den bessern Naturen mag er freilich eine sein aber sehr im Unklaren ist er wohl noch auf alle Weise, und wenn er sich nicht bald aus dem Gewühl von manigfaltigen Eindrüken und Anregungen zurükzieht und die Stille sucht, so fürchte ich wird das Schöne verrauchen und das Gemeine allein sich befestigen. Für unsern Süvern der sich in dem was das Schönste des Lebens ist geirrt hat hast Du mehr Hofnung als ich. Lieber Freund dies sind die Schulden die sich am schwersten rächen auf Erden. Er wird immer sein was er ist; aber er wird sich nicht fühlen wie er sollte und nicht sein was er könnte. – Wie steht es denn mit seinem Sophokles? Die Herz schreibt mir etwas von den Trachinerinnen: soll ich daraus schließen daß schon ein Theil gedrukt ist? Und Willich schreibt mir Du habest ihm schon den zweiten Theil von Novalis geschikt; wie geht es zu daß ich den noch nicht habe? Wegen des Aristoteles habe ich Dir wol schon geschrieben daß es der 5te Theil war um den ich Dich schon lange gebeten habe.
Daß es Dir mit Friedrich Schlegel so schlecht geht, thut mir um so mehr leid, da er mir fest versprochen hatte, Du solltest nie über ihn zu klagen haben. Mich indeß und Frommann behandelt er mit dem Plato nicht besser, und ich wollte die Sache wäre nur erst auf eine gute Art auseinander denn an ein fröhliches Gedeihen ist doch nicht zu denken. Das neueste von ihm habe ich kürzlich in den Zeitungen gelesen ich selbst habe seit jener durch Dich erhaltenen Einlage nichts von ihm erhalten, und an Fromman hat er erst im October die Einleitungen zu zwei Dialogen geschikt, aber noch keine Uebersezung.
Wegen der Kritik, der Moral möchte ich Dich noch bitten wenn Du es irgend vermeiden kannst Niemanden einzelne Bogen davon zu lesen zu geben. Mir ist nichts | fataler als das Herumreden über Sachen die noch Niemand übersehen kann. Vor jedes Buch wünsche ich ein eignes Titelblatt wie ich auch beigefügt. Die Einleitung ins Ganze versteht sich mit derselben Schrift wie das Ganze gedrukt. Die Vorrede habe ich noch zurükbehalten; sie wird doch erst zulezt gedrukt und vielleicht findet sich noch etwas zuzusezen.
Meine Eleonore hat noch vor ihrem Geburtstage ihre Mutter verloren, die sie mit der ganzen Kraft ihres schönen Gemüths liebte und ehrte. Wenn sie eine Zeitlang in Ruhe ihrem heiligen Schmerz wird gelebt haben, dann hoffe ich wird sie an sich selbst und ihre Befreiung denken. Adieu lieber Freund[.] Grüße Dein liebes Weib und laße bald wieder von Dir hören. Schreib mir auch allerlei Litteratur denn hier erfahre ich wenig.
Schl.
Metadata Concerning Header
  • Date: Mittwoch, 29. Dezember 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Georg Andreas Reimer ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 262‒265.

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